Die Bildungsphilosophie Rudolf Steiners.
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In den Vorträgen über Erziehung sagt Steiner: "Dasjenige, was unserer Pädagogik zugrunde liegt, ist, eine Methodik des Lehrens zu finden, die Lebensbedingungen der Erziehung durch das Lesen in der Menschennatur zu finden, durch jenes Lesen in der Menschennatur, das die Wesenheit des Menschen allmählich enthüllt, so dass wir dieser Enthüllung folgen können mit dem, was wir vom Lehrplan bis zum Stundenplan in Unterricht und Erziehung hineintragen" . Da die Waldorfpädagogik auf den Erkenntnissen über den Menschen, die Steiner durch seine Geisteswissenschaft gewonnen hat, beruht, ist die Kenntnis der Grundgedanken der Steinerschen Anthroposophie eine Voraussetzung für das Verständnis seiner pädagogischen Ideen.
GRUNDGEDANKEN DER ANTHROPOSOPHIE
Steiner beschreibt seine Anthroposophische Weltanschauung in seinen drei grundlegenden Werken "Theosophie", "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" und "Die Geheimwissenschaft im Umriss", Der Mensch, der in Leib, Seele und Geist gegliedert ist, gehört zugleich der physischen, der seelischen und der geistigen Welt an, Um die übersinnlichen Welten wahrnehmen zu können, muss der Mensch höhere Wahrnehmungsorgane erwecken. Durch Übung von Konzentration und Meditation kann jeder Mensch sich zur Kenntnis der Seelen- und Geisterwelt weiterentwickeln. Durch den Einblick in die über- sinnlichen Welten erkennt der Mensch die Ursachen des Lebens, sein selbst geschaffenes Schicksal und seine Bestimmung in der Welt.
DAS WESEN DES MENSCHEN
Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. Mit dem physischen Leib nimmt er die Dinge seiner Umwelt wahr. Die Seele verbindet die Umwelt mit seinem eigenen Leben. Mit dem Geist erwirbt er Erkenntnisse über die Welt. "So ist der Mensch Bürger dreier Welten. Durch seinen Leib gehört er der Welt an, die er auch mit seinem Leibe wahrnimmt; durch seine Seele baut er sich seine eigene Welt auf; durch seinen Geist offenbart sich ihm eine Welt, die über die beiden anderen erhaben ist" .
Ähnlich wie eine Pflanze nicht nur das ist, was man von ihr sieht, sondern einen verborgenen Zukunftszustand enthalt, tragt auch der Mensch die Anlagen seiner Zukunft in sich. Um das Wesen des Menschen zu erkennen, ist es daher notwendig, unter die oberflächliche, äußerlich beobachtbare Menschennatur zu schauen. Nur die Geisteswissenschaft, sagt Steiner, verhilft zur Erkenntnis der verborgenen Natur des Menschen. In seinem Werk "Theosophie" unterteilt Steine den Menschen in neun Teile. Physischer Leib, Lebensleib und Seelenleib sind leiblicher Art. Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewusstseinsseele sind seelischer Art. Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch sind geistiger Art. Die Empfindungsseele durchdringt den Seelenleib und wird im irdischen Menschen mit ihm zu einer Einheit. Ebenso sind im irdischen Menschen die Bewusstseinsseele und das Geistselbst eine Einheit, da die Bewusstseinsseele das Geistselbst durchdringt. Dadurch reduzieren sich die neun Teile des ganzen Menschen für den irdischen Menschen auf sieben Teile: Physischer Körper, Ätherleib, empfindender Seelenleib, Verstandesseele, Geist erfüllte Bewusstseinsseele, Lebensgeist, Geistesmensch. Steiner bietet aber auch eine einfachere Gliederung des Menschen an. Danach unterscheidet er vier Wesensglieder des Menschen: den physischen Leib, den Äther- oder Lebensleib, den Astral- oder Empfindungsleib, den Ich-Leib.
DER PHYSISCHE LEIB
Der physische Leib ist das, was am Menschen sinnlich wahrnehmbar und beobachtbar ist. Er besteht aus denselben Stoffen wie das Mineralreich und unterliegt denselben physikalischen Gesetzen wie die leblose Welt. Nach dem Tod zerfallt er in seine stofflichen Bestandteile.
DER ÄTHER- ODER LEBENSLEIB
Wie schon der Name Lebensleib sagt, ist das zweite Wesensglied des Menschen die Kraft oder das Prinzip, das den Menschen zum Lebewesen macht. Der Ätherleib wirkt im physischen Leib und bewirkt Wachstum und Fortpflanzung. Was im physischen Leib sichtbar wird, ist ein Abbild des Lebensleibes, den der Mensch mit der Pflanzen- und Tierwelt gemeinsam hat. "Der Ätherleib ist eine Kraftgestalt; er besteht aus wirkenden Kräften, nicht aber aus Stoff'. Steiner beschreibt ihn als in Form und Grosse annähernd dem physischen Leibe gleich. Da der Ätherleib, im Gegensatz zum physischen Leib, nicht stofflich ist, kann er mit den physischen Sinnen nicht wahrgenommen werden. Dazu sind höhere Organe notwendig. Diese höheren Wahrnehmungsorgane schlummern keimhaft in jedem Menschen. Durch besondere Übungen kann der Mensch sie erwecken und entwickeln und seine Erkenntnisgrenzen erweitern. Eine Kurzdarstellung des geisteswissenschaftlichen Schulungsweges, den Steiner beschreibt, bietet das Kapitel 2.1.2.
DER ASTRAL -ODER EMPFINDUNGSLEIB
Er ist der Träger des Empfindungslebens. Bei Empfindungen wie Schmerz, Lust, Trieb, Begierde oder Leidenschaft spiegelt sich der äußere Reiz durch einen inneren Vorgang wider. Den Astralleib hat der Mensch nur noch mit dem Tierreich gemeinsam. Wie der Ätherleib besteht auch der Astralleib nicht aus Materie, sondern "...ist eine Gestalt aus in sich beweglichen, farbigen, leuchtenden Bildern ". Steiner beschreibt ihn als Lichtbildgestalt und was Form und Größe anbelangt, wie ein lang gezogenes Ei, das den physischen und den Ätherleib beinhaltet
DER ICH-LEIB
Das vierte Glied der menschlichen Wesenheit ist der Träger des "Ich". Der Ich-Leib kommt nur dem Menschen zu, denn nur der Mensch kann sich als "Ich" bezeichnen. Das "Ich" hat die Aufgabe, an den anderen Wesensgliedern zu arbeiten und sie zu veredeln. "In dem Zustande, in dem sich der Mensch über das Tier eben erhebt, indem sein 'Ich' aufblitzt, gleicht er in Bezug auf die niederen Glieder noch dem Tiere. Sein Äther- und Lebensleib ist lediglich der Träger der lebendigen Bildungskräfte, des Wachstums und der Fortpflanzung. Sein Empfindungsleib drückt nur solche Triebe, Begierden und Leidenschaften aus, welche durch die äußere Natur angeregt werden. Indem der Mensch von dieser Bildungsstufe aus durch die aufeinander folgenden Leben oder Verkörperungen zu immer höherer Entwicklung sich hindurch ringt, arbeitet sein Ich die andern Glieder um. So wird der Empfindungsleib der Träger geläuterter Lust- und Unlustgefühle, verfeinerter Wünsche und Begierden. Und auch der Äther- oder Lebensleib gestaltet sich um. Er wird der Träger der Gewohnheiten, der bleibenden Neigungen, des Temperamentes und des Gedächtnisses. Ein Mensch, dessen ich noch nicht gearbeitet hat an seinem Lebensleib, hat keine Erinnerung an die Erlebnisse, die er macht. Er lebt sich so aus, wie es die Natur ihm eingepflanzt hat".
DER WEG ZUR ERKENNTNIS HÖHERER WELTEN
Jeder Mensch hat in sich Fähigkeiten, durch die er zur Erkenntnis der höheren Welten kommen kann. Er muss diese Fähigkeiten, die in ihm schlummern, erwecken. Dies geschieht durch die Geheimschulung, die den Geistesschüler in die Natur des Geheimwissens einweiht und reif macht zur Erkenntnis der übersinnlichen Welten. Steiner bietet ein Übungsprogramm an, durch das die menschliche Seele die Kraft entwickelt, in die höheren Welten vorzudringen, und es dem Menschen möglich wird, das Übersinnliche zu beobachten.
INITIATION
Rudolf Steiner unterscheidet im Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod drei verschiedene Bewusstseinszustande. Im Wachen erlebt die Seele etwas, das durch Sinneseindrücke und Vorstellungen, die durch sinnliche Eindrücke hervorgerufen werden, entsteht. Wahrend des Tiefschlafes sind die Sinneseindrücke ausgeschaltet, und die Seele hat kein Bewusstsein. Der Traumzustand liegt zwischen Wachen und Schlaf.
Durch die Initiation wird die Seele zu einem höheren, übersinnlichen Bewusstseinszustand erweckt und zu einem besonderen Erleben fähig, das im gewöhnlichen Dasein nur durch Sinneseindrücke möglich ist. Für diese höhere Seelentätigkeit benötigt der Mensch geistige Beobachtungswerkzeuge. Diese sind in jedem Menschen keimhaft vorhanden und können durch Schulung entwickelt werden. Nur vom wachen Tagesbewusstsein kann der Mensch zu einem übersinnlichen Bewusstseinszustand kommen. Indem sich der Mensch gewissen Vorstellungen hingibt, sich ganz auf diese konzentriert. und sich vom Physischen und von der Sinneswahrnehmung loslöst, werden in der Seele verborgene Kräfte erweckt.
Diese Vorstellungen bilden nicht ein Äußeres ab, es sind sinnbildliche, symbolische Vorstellungen. Als Vorstellungsinhalte schlagt Steiner Baum, Rosenkreuz, Meditationen über das Werden und Vergehen einer Pflanze, über die Formen von Kristallen oder die Versenkung in gewisse Formeln, Satze oder Worte vor. "In jedem Falle werden diese Mittel der inneren Versenkung das Ziel haben, die Seele loszureißen von der Sinneswahrnehmung und sie zu einer solchen Tätigkeit anzuregen, bei welcher der Eindruck auf die physischen Sinne bedeutungslos ist und die Entfaltung innerer schlummernder Seelenfähigkeiten das Wesentliche wird. Es kann sich auch um Versenkungen bloß in Gefühle, Empfindungen usw. handeln".
Die Übungen müssen so gestaltet sein, dass das Bewusstsein des Menschen alles durchschaut, was in der Seele vorgeht. Durch Übung und Schulung erwirbt der Geistesschüler Herrschaft der Seele über ihre Gedankenführung, ihren Willen und ihre Gefühle. Er lernt Gelassenheit gegenüber seinen Gefühlen, Positivität in der Beurteilung der Welt und entwickelt eine unbefangene Empfänglichkeit für neue Erlebnisse. Durch die Ausbildung des Denklebens wird der Mensch zum Beobachter dessen, was er an sich erlebt.
IMAGINATION
Durch diese Meditationsübungen erreicht der Geistesschüler, wenn er Geduld und Ausdauer zeigt, die erste höhere Erkenntnisstufe, die Imagination. Die imaginative Erkenntnis liegt auf einer höheren Stufe als das gegenstündliche Erkennen, das auf der sinnlichen Wahrnehmung beruht. Das Adjektiv "imaginativ" bedeutet nicht "eingebildet". Steiner versteht unter einer imaginativen Erkenntnis eine solche, die durch einen übersinnlichen Bewusstseinszustand entsteht, der durch die Versenkung in Sinnbilder oder „Imaginationen" erweckt wird. Es handelt sich um geistige Tatsachen und Wesenheiten, die einer anderen Wirklichkeit angehören als die Tatsachen und Wesenheiten der physischen Welt.
Bei den Übungen, die zur Imagination führen, wird an die Eindrücke der sinnlich-physischen Welt angeknüpft. Es wird ein Sinnbild geformt, in dem noch Vorstellungen von äußeren Wahrnehmungen sind. Der Mensch macht den Inhalt der Vorstellungen nicht selbst. Durch die Konzentration auf ein entsprechendes Bild in der Meditation wird die Seelentätigkeit angeregt. Der Seelenzustand ist gegenüber dem gewöhnlichen Tagesbewusstsein durch erhöhtes Wachsein gekennzeichnet. Der Mensch erlebt ein Freiwerden von den physischen Organen. Das erste rein geistige Erlebnis, das als Folge der Meditationsübungen auftritt, ist die bewusste Selbstwahrnehmung in den Imaginationen. In der Versenkung nimmt sich die Seele als selbständige Wesenheit wahr. Dieses höhere Ich hat sich aus dem gewöhnlichen, an die physischen Sinne und den physischen Verstand gebundenen Ich herausgelöst.
Auf dieser Stufe der Geistesschulung muss der Wille schon so ausgebildet sein, dass diese Bilder jederzeit wieder aus dem Bewusstsein getilgt werden können. Es muss Freiheit der Erlebnisse herrschen. Nur jene Imaginationen, die dem eigenen Seelen- Wesenskern entsprechen, sollen nicht gelöscht werden, denn in diesen Bildern erkennt der Schüler das, was sich als sein Grundwesen durch alle seine Erdenleben durchzieht.
Hat der Mensch die Fähigkeit der Auslöschung erreicht, gelangt er von der Selbstwahrnehmung zur Beobachtung der seelisch-geistigen Außenwelt. Denkende Besonnenheit, geordnetes Gedanken- und Vorstellungsleben, logisches Denken, Festigkeit im moralischen Urteil und hoher Wahrheitssinn werden vom Schüler gefordert. Die Selbstliebe, die durch das Geist-Erleben zum Bewusstsein gelangt, muss ausgelöscht werden. Der Mensch muss diese bestimmte Seelenverfassung erreicht haben, denn das höhere Ich, das der Mensch aus seinem gewöhnlichen Ich herauszieht, entzieht dem niederen Ich die nötige lebendige Kraft.
Durch die Übungen kommt der Schüler dazu, dass die völlige Bewusstlosigkeit im Tiefschlaf von bewussten Erlebnissen unterbrochen wird. Die höhere Welt, die sich dem Menschen im Tiefschlaf enthüllt, offenbart sich ihm zunächst in Tönen und Worten, später auch in Farben und Formen. Steiner nennt dies "Kontinuität des Bewusstseins". "Man lebt dann, wenn der Körper ruht, ebenso in einer Wirklichkeit, wie dies beim Wachen der Fall ist".
Ziel der Meditation ist die Heranbildung jener Wahrnehmungsorgane innerhalb des Astralleibes, die dem Menschen eine geistige Welt vermitteln, in der er sich als ein neues Ich kennen lernt. Diese geistig-seelischen Wahrnehmungsorgane (Steiner nennt sie Lotusblumen) sind über sinnlich und bestehen in einer bestimmten Seelentätigkeit. Sie werden vom Geistesschüler in der Nähe bestimmter physischer Organe erfühlt (in der Augenbrauenmitte, in der Kehlkopfgegend, in Herznähe, in der Gegend der Magengrube). Die Wahrnehmungen in der imaginativen Welt ähneln den physisch-sinnlichen Eindrücken. Es sind Wärme- und Kälteempfindungen, Ton- oder Wortwahrnehmungen, Licht- oder Farbenwirkungen. An die Stelle von Werden und Vergehen, Geburt und Tod in der physischen Welt tritt in der imaginativen Welt der Begriff der Verwandlung des einen in das andere. Wer die Erkenntnisstufe der Imagination erreicht hat, nimmt die in Verwandlung begriffenen Wesenheiten wahr: den Lebensleib, den Empfindungsleib und das Ich, - das, was nach dem physischen Tod des Menschen in einer anderen Daseinsart weiterlebt.
INSPIRATION
Bei den Meditationsübungen, die zur Inspiration fuhren, muss die Anknüpfung an die sinnlich-physische Welt immer mehr wegfallen. Der Inhalt der Vorstellungen wird aus dem Bewusstsein gelöscht. Der Geistesschüler versenkt sich ganz in die eigene Seelentätigkeit. Er nimmt nicht bloß, wie auf der Stufe der Imagination, die in Verwandlung begriffenen Wesenheiten wahr, sondern lernt die inneren Eigenschaften der Wesen, die sich verwandeln, kennen. Er vermag die Verwandlungsvorgänge zu deuten und sich in der höheren Welt zu orientieren. In der Inspiration erkennt der Mensch die Beziehungen der Wesen untereinander. In der inspirierten Welt ist das Verhältnis des einen Wesen zum anderen nicht durch äußere Einwirkung, wie in der physischen Welt, bedingt, sondern durch die innere Beschaffenheit der Wesen.
Steiner nennt die Erkenntnis durch Inspiration auch das "Lesen der verborgenen Schrift". "Ohne die Erkenntnis durch Inspiration verbliebe die imaginative Welt wie eine Schrift, die man anstarrt, die man aber nicht zu lesen vermag" . Was für das Entziffern einer Schrift die Kenntnis der Buchstaben und Laute ist, sind für das übersinnliche Lesen der verborgenen Schrift die imaginativen Wahrnehmungen. "Wenn man das Wort 'Mensch' vor sich hat, so wird es bewirkt durch den Zusammenklang der Laute: M-e-n-sch. Es geht nicht ein Anstoß oder sonst eine äußere Einwirkung zum Beispiel von dem M zu dem E hinüber, sondern beide Laute wirken zusammen, und zwar innerhalb eines Ganzen durch ihre innere Beschaffenheit. Deshalb lässt sich das Beobachten in der Welt der Inspiration nur vergleichen mit einem Lesen; und die Wesen in dieser Welt wirken auf den Betrachter wie Schriftzeichen, die er kennen lernen muss und deren Verhältnisse sich für ihn enthüllen müssen wie eine übersinnliche Schrift" .
Durch die Meditationsübungen kommt es zur Veränderung des Ätherleibes. Es treten Bewegungen, Gestaltungen und Strömungen auf. Dies sind die Organe, die das "Lesen der verborgenen Schrift" ermöglichen. Durch diese Strömungen und Strahlungen im Umkreis des Ätherleibes kann die äußere seelisch-geistige Welt sich mit dem inneren seelisch-geistigen Geschehen im Ätherleib verbinden. Die übersinnliche Welt mit ihren Wesenheiten kann durch den Ätherleib unmittelbar einströmen.
INTUITION
Die Übungen zur Erlangung der Intuition wirken nicht nur auf den Ätherleib, sondern bis in die übersinnlichen Kräfte des physischen Leibes. Der grobe physische Leib bietet für die zarten, feinen Erfahrungen der Intuition ein stark wirkendes Hindernis. Setzt der Schüler die Übungen mit genug Energie und Ausdauer fort, gelingt es ihm, bisher unbewusste Äußerungen des physischen Leibes (z.B. Atmung oder Herzschlag) in seine Gewalt zu bekommen.
Bei den Intuitionsübungen wird nicht nur der Inhalt der Vorstellungen, die zur Erlangung der Imagination notwendig waren, aus dem Bewusstsein gelöscht, sondern auch die eigene Seelentätigkeit, in die sich der Geistesschüler für die Inspiration versenkt hatte. Der Mensch darf nichts von vorher gekanntem äußeren oder inneren Erleben in seiner Seele haben. Sein Bewusstsein ist jedoch nicht leer, sondern nach dem Abwerfen der äußeren und inneren Erlebnisse bleibt als Wirkung etwas im Bewusstsein, in das er sich versenken kann. In der Intuition erkennt der Schüler die Wesenheiten der höheren Welt in ihrem Inneren selbst, er dringt in die Wesen selbst ein. Er wird eins mit ihnen. Die seelisch-geistigen Wesenheiten sind nicht nur außerhalb des Menschen. Sie spiegeln wider, was der Mensch selbst ist, denn sie sind von seinem Wesen durchsetzt und ändern sich, je nachdem was der Mensch fühlt oder denkt. Vom Schüler wird Selbsterkenntnis gefordert, denn er muss alle Wirkungen seines eigenen Selbst auf die seelisch-geistigen Wesenheiten erkennen und ausschalten, um die über sinnliche Welt rein wahrnehmen zu können.
Auf dem Weg zur höheren Erkenntnis werden Denken, Fühlen und Wollen, deren Verbindung vor der Schulung durch höhere Weltgesetze geregelt ist, voneinander getrennt und nehmen eine gewisse Selbständigkeit an. Diese im physisch-sinnlichen Leben vom Ich zusammengehaltenen Grundkräfte der Seele werden durch die über sinnlichen Betrachtungen drei eigenständige Wesenheiten. Die Verbindung zwischen diesen Seelenkräften muss nun durch das höhere Bewusstsein des Menschen besorgt werden. Der Mensch wird zum verantwortlichen Lenker und Führer dreier selbständiger Wesenheiten. Durch die Schulung erlangt er Herrschaft über das Zusammenwirken von Denken, Fühlen und Wollen.
Wenn sich Wille, Denken und Gefühl auseinanderlösen, begegnet der Mensch dem "Hüter der Schwelle". Der Schüler sieht sein höheres Selbst wie seinen Doppelgänger vor sich und erkennt den Abstand zwischen dem, was er ist und dem, was er werden soll. Der "Hüter der Schwelle" ist ein übersinnliches Wesen, das der Mensch selbst hervorgebracht hat und das aus den Folgen seiner Handlungen, Gedanken und Gefühle zusammengesetzt ist. An ihm sieht der Schüler, was ihm noch zur Erreichung der harmonischen Vollkommenheit fehlt, "So schrecklich die Gestalt dieses Hüters auch ist, sie ist doch nur die Wirkung des eigenen vergangenen Lebens des Schülers, ist nur sein eigener Charakter, zu selbständigem Leben außer ihm erweckt".
Dadurch, dass der Mensch durch die Begegnung mit dem "Hüter der Schwelle" alles kennen lernt, was in ihm ist, wird er fähig, zwischen dem, was er selbst in die über sinnliche Welt hineintragt und dem, was sie wirklich ist, zu unterscheiden. Entwickelt sich der Mensch durch Geistesschulung noch weiter, begegnet er dem "großen Hüter der Schwelle", der ihn ermahnt, nicht auf dieser Stufe stehen zu bleiben, sondern weiterzuarbeiten. Der große Hüter der Schwelle" wird sein Vorbild, dem er nacheifert. Er verwandelt sich in der Wahrnehmung des Schülers in die Christus-Gestalt. Der Mensch erkennt durch Intuition den Christus in der geistigen Welt, der in die Erdenentwicklung eingegriffen hat und innerhalb dieser Erdenentwicklung weiter wirkt. Er erkennt das Verhältnis seines eigenen Wesens zur Welt und den Zusammenhang zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Er fühlt sich mit dem Weltall verwachsen. Er erlebt ein Einswerden mit dem Makrokosmos, ohne seine eigene Wesenheit zu verlieren.
"Er hat jetzt ein unmittelbares Wissen von seinem höheren Selbst. Und er lernt erkennen, dass dieses höhere Selbst mit geistigen Wesenheiten höherer Art zusammenhängt und mit ihnen eine Einheit bildet. Er sieht also, wie das niedere Selbst aus einer höheren Welt herstammt. Und es zeigt sich ihm, dass seine höhere Natur die niedere überdauert. Er kann nunmehr selbst sein Vergängliches von seinem Bleibenden unterscheiden. Das heißt nichts anderes, als er lernt die Lehre von der Einkörperung (Inkarnation) des höheren Selbst in ein niederes aus eigener Anschauung verstehen. Es wird ihm jetzt klar, dass er in einem höheren geistigen Zusammenhange darinnen steht, dass seine Eigenschaften, seine Schicksale durch diesen Zusammenhang verursacht sind. Er lernt das Gesetz seines Lebens, Karma, erkennen" .
DIE LEHRE VON REINKARNATION UND KARMA
Wahrend des irdischen Lebens gehört der Mensch der physischen, aber auch der seelischen und der geistigen Welt an. Die Seele ist das Bindeglied zwischen Leib und Geist. Empfindungen und Wahrnehmungen geschehen in der physischen Welt. Die sinnlichen Eindrücke sind sowohl an ein äußeres Ding wie an ein Sinnesorgan gebunden. Sie. sind vorübergehend, können aber in der Seele immer wieder Vorstellung werden. Die Seele gibt die Erinnerung an die Erlebnisse der Vergangenheit an den Geist weiter. "Der Geist des Menschen trägt dadurch in jedem Augenblicke seines Lebens zweierlei in sich. Erstens die ewigen Gesetze des Wahren und Guten und zweitens die Erinnerung an die Erlebnisse der Vergangenheit". Der Geist wandelt die Eindrücke aus der Vergangenheit um, indem er den Erlebnissen die Kraft entnimmt, seine Fähigkeiten zu bereichern.
In seiner Leiblichkeit hat der Mensch seine Eigenschaften innerhalb der Gattung durch Vererbung erworben. Der Geist aber erscheint in jedem einzelnen Menschen in einer für ihn charakteristischen Gestalt. Jedes Individuum hat als geistiger Mensch seine eigene Gestalt, seine eigene Biographie. Diese geistige Gestalt kann er nur von sich selbst haben. "In meinen Vorfahren bin ich sicher nicht vorhanden gewesen, denn diese sind als geistige Menschen von mir verschieden, Meine Biographie ist nicht aus der ihrigen erklärbar, Ich muss vielmehr als geistiges Wesen die Wiederholung eines solchen sein. aus dessen Biographie die meinige erklärbar ist".
Aus der Tatsache, dass jeder Mensch mit bestimmten seelischen Anlagen geboren wird. folgert Steiner, dass er als geistiger Mensch schon vor der Geburt da gewesen sein muss, "So wie also die physische Menschengestalt immer wieder und wieder eine Wiederholung, eine wieder Verkörperung der menschlichen Gattungswesenheit ist, so muss der geistige Mensch eine wieder Verkörperung desselben geistigen Menschen sein. Denn als geistiger Mensch ist eben jeder eine eigene Gattung" .
Die menschliche Seele hat während des irdischen Lebens sowohl Anteil am Leib als auch am Geist, Der Seelenleib. das dritte Leibesglied. unterliegt den Gesetzen der physischen Vererbung. Weil die Empfindungsseele den Seelenleib durchdringt, können auch seelische Eigenschaften vererbt werden, Das Geistselbst wird im irdischen Leben zwischen Geburt und Tod von der Bewusstseinsseele durchsetzt, Der Geist bewahrt die Erlebnisse der Vergangenheit nicht, aber ihre Früchte machen auf ihn einen bleibenden Eindruck. " In einem Leben erscheint der menschliche Geist als Wiederholung seiner selbst mit den Fruchten seiner vorigen Erlebnisse in vorhergehenden Lebensläufen. Dieses Leben ist somit die Wiederholung von andern und bringt mit sich. was das Geistselbst in dem vorigen Leben sich erarbeitet hat" ,
Wie der Mensch nach dem Schlaf seine durch die Nacht unterbrochene Arbeit wieder aufnimmt. so sind die Taten der vorigen Leben Vorbedingungen seines jetzigen Lebens, In der jeweiligen Verkörperung findet der Mensch die Umwelt vor. die den Früchten seiner Taten in den vorangegangenen Inkarnationen entspricht. Dies bezeichnet Steiner als Schicksal oder Karma des Menschen, "Das Leben der Seele ist somit ein Ergebnis des selbst geschaffenen Schicksals des Menschengeistes, Dreierlei bedingt den Lebenslauf eines Menschen innerhalb von Geburt und Tod. Und dreifach ist er dadurch abhängig von Faktoren. Die jenseits von Geburt und Tod liegen. Der Leib unterliegt dem Gesetz der Vererbung,' die Seele unterliegt dem selbst geschaffenen Schicksal, Man nennt dieses von dem Menschen geschaffene Schicksal mit einem alten Ausdrucke sein Karma, Und der Geist steht unter dem Gesetze der wieder Verkörperung, der wiederholten Erdenleben" . Der Leib des Menschen ist vergänglich. Er unterliegt den physikalischen Gesetzen und zerfallt nach dem Tod in seine stofflichen Bestandteile. Der Geist ist das Unvergängliche am Menschen. Das Seelenleben, das dem Karma unterliegt, vermittelt während des irdischen Lebens den Zusammenhang zwischen dem vergänglichen Leib und dem unvergänglichen Geist.
DIE PÄDAGOGISCHE ANTHROPOLOGIE
Steiners Gedanken über die menschliche Entwicklung sind in dem Buch " Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik" zusammengefasst. Entsprechend seiner Lehre von Reinkarnation und Karma sieht Steiner den Beginn der Entwicklung des Menschen bereits im Vorgeburtlichen. Die vorangegangenen Verkörperungen bestimmen das gegenwärtige Leben des Menschen. Einzig der Geist bleibt in den verschiedenen Inkarnationen derselbe. Diese Überzeugung hat Konsequenzen für die Pädagogik. Erziehung ist eine Kunst (Steiner nennt die Pädagogik Erziehungskunst), die die Entwicklung aller im Menschen vorhandenen Anlagen zum Ziel hat. Voraussetzung für wahre Erziehungskunst ist eine konkrete Menschenerkenntnis, und Steiner meint nicht nur den irdischen sondern auch den verborgenen geistigseelischen Menschen. Unterricht und Erziehung müssen im Wesen des Menschen begründet sein. "Wir müssen der Schicksals-Veranlagung so weit nachkommen, dass der Mensch im Denken die ihm für das Leben höchste mögliche Klarheit, im Fühlen die nach seinem Schicksal für ihn denkbar höchste liebevolle Vertiefung, und im Wollen die höchste nach seinem Schicksal mögliche Energie und Tüchtigkeit erringe". Steiners Pädagogische Anthropologie ist einerseits durch seine entwicklungspsychologische Theorie von den "Jahrsiebten", anderseits durch seine Temperamenten-Lehre gekennzeichnet.
ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIE
Steiner wendet sich gegen die Vorstellung, der Mensch bestehe aus Leib und Seele und verficht eine Dreigliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist. Die Aufgabe der Erziehung ist es, im Kind die Geistseele mit dem Körperleib in Einklang zu versetzen. Leib, Seele und Geist sind beim Kind noch eine ungegliederte Einheit und sollen durch die Entwicklung erst emanzipiert werden. Der Leib tragt die vererbten Merkmale. Die Seele ist die Klammer zwischen Leib und Geist. Sie ist das, was aus dem vorgeburtlichen Dasein stammt und sich mit dem Leiblichen verbindet. Das Geistige ist im Menschen nur seiner Anlage nach vorhanden. Wenn der Mensch in das irdische Leben tritt, ist das Seelische mit dem Geistigen verbunden und bewirkt, dass der Geist in der neuen Verkörperung als das erscheint, was die Taten aus seinem früherem Leben aus ihm gemacht haben. Das Ich lebt in der Seele in verschiedenen Bewusstseinsstufen als Denken, Fühlen und Wollen. Im Denken ist der Mensch mit seinem vollen Bewusstsein dabei. Nur in der Tätigkeit des denkenden Erkennens ist der Mensch für Steiner in einem wachen Bewusstseinszustand.
Beim Wollen mischt sich viel Unbewusstes hinein ( z.B. ist uns beim Gehen nicht bewusst, was sich dabei im Organismus abspielt). Im Wollen ist der Mensch ein Schlafender, er befindet sich, sagt Steiner, in der "Bewusstlosigkeit" des Schlafes. Zwischen Schlafen und Wachen liegt das Bewusstsein beim Fühlen. Das Fühlen liegt zwischen Denken und Wollen, es ist sowohl bewusst als auch unbewusst. Wir kennen unsere Gefühle so, wie wir Traume kennen. Die Traume erinnern wir, die Gefühle erleben wir. Die Entfaltung des Menschen durchläuft diese verschiedenen Bewusstseinsstufen vom Schlafen (0- 7 Jahre) über Traumen (7-l4 Jahre) zum vollwachen Zustand. Beim Kind vor dem Zahnwechsel überwiegt das Wollen, beim Schulkind das Fühlen, ab der Geschlechtsreife die Funktion des Denkens. Entsprechend diesem Zeitrhythmus von ungefähr sieben Jahren, den jeder Mensch in sich hat, sollen Wille, Gefühl undd Denken des Kindes entfaltet werden. Am Obergang zwischen dem ersten und dem zweiten "Jahrsiebt" steht als biologisches Faktum der Zahnwechsel, der Beginn des dritten "Jahrsiebts" wird durch die Pubertät gekennzeichnet.
DAS KIND VOR DEM ZAHNWECHSEL
In den ersten Lebensjahren ist das Kind noch eine Einheit von Körper, Seele und Geist. Das Geistig-Seelische ist noch nicht vom Körperlichen emanzipiert. Der Säugling ist ganz Sinnesorganismus, alles ist von physiologischen Bedürfnissen bestimmt. In dieser Zeit hat das Kind nicht nur Sinnesorgane, es ist ganz Sinnesorgan. Jeder Eindruck setzt sich im ganzen kindlichen Organismus fort. Das Kind ist begierig, alles aus der Außenwelt in sich aufzunehmen. Alles aus der Umgebung wird vom Kind wahrgenommen: das Physische, wie Gesten und Blicke, und ebenso das Moralische. Das Kind vor dem Zahnwechsel ist für alles Seelische körperlich empfangsbereit. Das Seelische steckt noch ganz im Körperlichen. Es zeigt sich auch körperlich, nämlich wenn das Kind nachahmt. Alles, was es aufnimmt, setzt das Kind in Nachahmung um. Das Kind vor de Zahnwechsel ist ein nachahmendes Wesen.
Steiner betont hier besonders die Verantwortung des Erziehers, seine Pflicht zu Selbsterziehung. Denn alles, was der Erzieher denkt, fühlt und will, wirkt das Kind und wird nachgeahmt. Daher muss das Verhalten des Erziehers nachahmenswert sein. Wer erzieht, muss alles vom Kind fernhalten, was es nicht nachahmen soll. Im ersten "Jahrsiebt" ist das Wichtigste im Erziehen de Mensch. Steiner postuliert für dieses Alter die Gewöhnung als Erziehungsprinzip. Da er das Gedächtnis beim kleinen Kind als eine Art Gewohnheit oder Geschicklichkeit sieht, die es sich durch Nachahmung aneignet, müssen Eltern und Erzieher dem Kind ein Vorbild sein und ihm vorleben, was es nachmachen soll.
DAS KIND NACH DEM ZAHNWECHSEL
Etwa im 7. Lebensjahr erlebt das Kind einen Umwandlungsprozess. Der Zahnwechsel und der Gestaltwandel sind Anzeichen für die Schulreife des Kindes. Diese Umwandlung ist eine Gesamtmetamorphose des Kindes. So wie die ersten Zähne ausgestoßen werden, weil sich die bleibenden Zahne nachschieben, wird auch an der Körperoberflache physische Substanz (Nagel, Haare, Haut) abgestoßen, weil sich von innen heraus neue nachschiebt. Der Geburtsleib wir abgestoßen und es bildet sich ein neuer Leib, der das Produkt des seelisch-geistigen Wesens des Menschen ist. Im ersten "Jahrsiebt" war das Kind ganz Sinnesorgan und die Hauptfunktion war das Wollen. Nun ist der Wille des Kindes frei geworden und aus dem leiblichen Organismus herausgelost. Nach dem Zahnwechsel wird das Geistig-Seelische selbständig. Das Kind ist jetzt ganz Seele und das Fühlen steht im Mittelpunkt.
Durch die Abgliederung des Geistig-Seelischen vom Körper kann ein unkörperlicher Bildinhalt im Menschen entstehen. Das Kind entwickelt ein bildhaftes Denken. In diesem Alter ist das Kind noch nicht intellektuell, es besitzt noch keine abstrakte Denkfähigkeit. Es wäre daher, meint Steiner, falsch und verfrüht, den Intellekt anzusprechen. Das Kind nach dem Zahnwechsel ist noch ganz in Gemütserlebnissen gefangen und auf das Bildliche orientiert. Der Lehrer muss das Bildlich machen beherrschen. Es ist notwendig, in die Erziehung das künstlerische Element (Malen, plastisches Gestalten und Musizieren) aufzunehmen. Das Gelernte muss künstlerisch umgesetzt und im Bild lebendig werden. Das Kind orientiert sich an den Menschen seiner Umgebung. Der Lehrer ist eine anerkannte Autorität, der das Schulkind freiwillig folgt. Das Kind nimmt das Gefühlhafte der Dinge an, weil die Autorität es ihm bietet. Es ist der Erzieher, der für das Kind festlegt, was gut, wahr und schon ist. Daher fordert Rudolf Steiner: Der Erzieher darf nicht nur das Gute, Wahre und Schöne darstellen, er muss es sein.
Steiner gliedert das zweite "Jahrsiebt" in drei Unterepochen. Bis zum 9. Lebensjahr sind Weltgefühl und Ichgefühl noch kaum unterschieden. Das Kind sieht alles als Fortsetzung seines Seins. Der Lehrer, als Vermittler zwischen dem Kind und der realen Welt, muss in dieser Phase alles märchen- und legendenhaft an das Kind heranbringen. Das Kind beurteilt nicht selbst, es übernimmt die Wertungen von der Autorität. In diesem Lebensabschnitt ist das Kind noch ein Nachahmer, neigt aber schon zum Autoritätsgefühl. Es steht am Über gang zwischen Nachahmungs- und Autoritätstrieb. Zwischen 9 und l0 Jahren macht das Kind einen wichtigen Entwicklungssprung (Steiner spricht vom ersten Lebensrubikon): Es beginnt Fragen zu stellen. War bisher Wahrheit, Güte und Schönheit das, was der Lehrer , die anerkannte Autorität, als wahr, gut und schon vermittelte, so fragt sich das Kind jetzt gefühlsmassig, warum etwas berechtigt ist. Mit 11 bis l2 Jahren entwickelt das Kind ein Kausalitätsgefühl. Erst nach dem l2.1ebensjahr (zweiter Lebensrubikon) kann es einen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung erkennen. Die Urteilskraft, die sich zu entwickeln beginnt, klingt aber noch mit dem Autoritätsdrang zusammen.
DIE PUBERTÄT
Mit der Geschlechtsreife ist der seelische Organismus des Kindes so weit ausdifferenziert, dass es sich der Umwelt stellen kann. Das Fühlen hat sich vom Organischen gelost. Die Empfindung ist frei für soziale Zuwendung zu anderen Menschen. Jetzt kann Erziehung im Denkbereich stattfinden, und Wissensvermittlung als solche ist möglich. Jetzt kann der Mensch denken, was er vorher gewollt und gefühlt hat. Er kann jetzt durch Urteilskraft sein Verhältnis zu den anderen Menschen bestimmen. Der junge Mensch lernt nun zu ordnen, Schüsse zu ziehen und sich Urteile zu bilden. Die Erziehung muss dem Kind dazu lebendige, bewegliche Begriffe über das Leben und die Welt vermitteln, die sich mit dem Kind entwickeln und sich im späteren Leben selbst umwandeln. Der Lehrer darf nicht tote Definitionen anbieten, er soll charakterisieren, das heißt die Dinge unter möglichst viele Gesichtspunkte stellen. Der Jugendliche erfahrt alles, was ihm beigebracht wird, individuell, hinterfragt es und integriert es in seine Persönlichkeit. Er macht sich die ihm angebotenen moralischen Begriffe selbst in Freiheit zu seinen Geboten und Verboten. Voraussetzung ist, dass er vorher die Sympathie für das Gute und die Antipathie gegen das Böse gefühlsmassig erlebt hat.
Auch in der Erziehung von Jugendlichen gilt für Steiner der Dreischritt: Vom Wollen über das Fühlen zum Denken. Ins Methodische übersetzt heißt das: Vom Tun über das Verstehen zum Wissen. Diese drei Elemente sind in dieser Reihenfolge für jeden Unterrichtsinhalt notwendig, damit dieser zum vollmenschlichen Besitz des Schülers wird. "So ist es die Aufgabe des Lehrers, dass er durch die Art und Weise, wie er seinen Stoff den Kindern bringt, an allen Fähigkeiten des Kindes so bildet, dass dessen leiblicher Organismus zu einem Instrument wird, auf dem das Ich später so zu spielen vermag, dass der volle Mensch in ihm zur Erscheinung kommen kann" .
TEMPERAMENTENLEHRE
Im Gegensatz zur Hippokratischen Säftelehre der Asklepiosmysterien, die Krankheit und Gesundheit als abhängig vom Zusammenspiel der Körpersäfte erklärt, entwickelt Steiner eine eigene Temperamentenlehre. Seine Typologie soll den Lehrer in die Lage versetzen, das Temperament seiner Schüler zu erkennen, um daraus Konsequenzen für den Unterricht zu ziehen.
EINTEILUNG DER TEMPERAMENTE
Steiner übernimmt die übliche Unterscheidung in sanguinisches, melancholisches, phlegmatisches und cholerisches Temperament. Er setzt das jeweilige Temperament mit der Gesamtwesenheit des Menschen in Beziehung. Je nachdem, welches der vier Wesensglieder dominiert, entsteht das Erscheinungsbild eines der vier Temperamente. Herrscht der physische Leib vor, hat das Kind ein phlegmatisches Temperament. Beim sanguinischen Kind überwiegt der Ätherleib. Das cholerische Kind wird vom Astralleib beherrscht und bedrängt. Ist der Bewusstseinspol dominant, und das Ich schon sehr stark entwickelt, sehen wir ein Kind mit einem melancholischen Temperament.
Eine andere Möglichkeit, die Temperamente einzuteilen, sieht Steiner in den seelischen Eigenschaften Erregbarkeit und Stärke. Beim Phlegmatiker sind Starke und Erregbarkeit am geringsten, beim Choleriker, der ihm diametral gegenübersteht, am größten. Ebenso sind Melancholiker und Sanguiniker polar entgegengesetzt. Der Melancholiker zeigt viel Stärke, aber wenig Erregbarkeit, der Sanguiniker wenig Stärke und viel Erregbarkeit. Das Temperament eines Kindes spiegelt sich, meint Steiner, auch im Körperbau wider. "Die melancholischen Kinder sind in der Regel schlank und dünn; die sanguinischen sind die normalsten; die, welche die Schultern mehr heraus haben, sind die phlegmatischen Kinder; die den untersetzten Bau haben, so dass der Kopf beinah untersinkt im Körper, sind die cholerischen Kinder".
DAS LEHRERTEMPERAMENT
Lehrer und Kind, zwischen denen Erziehung geschieht, stehen einander gegenüber, jeder mit einem bestimmten Charakter und Temperament. Der Lehrer wirkt durch sein Temperament, durch die Art, wie er ist, auf den Schüler. Alles, was auf das Kind einen Eindruck macht, wirkt sich auf seine spätere Verfassung aus, wird zur Krankheits- oder Gesundheitsanlage des Menschen. Wie sich der Lehrer dem Kind gegenüber verhält, hat Folgen bis in das Erwachsenenalter, sagt Steiner. Daher muss der Lehrer das ganze Leben des Menschen vor Augen haben, nicht nur das Kindesalter.
Ein cholerischer Erzieher, der sich zu heftigen Handlungen hinreißen lasst, versetzt das Kind in Angst. Da das Kind vor dem Zahnwechsel ganz Sinnesorgan ist, und Leib, Seele und Geist noch undifferenziert und eine Einheit sind, setzt sich jeder Reiz, auch jeder Ausbruch eines cholerischen Lehrers, von der Seele bis in das Leibliche des Kindes fort. Die Folgen sind nicht unmittelbar sichtbar, sie zeigen sich erst. in den Stoffwechselkrankheiten des erwachsenen Menschen. Ein phlegmatischer Erzieher, der dem Kind gegenüber gleichgültig ist, bewirkt im Erwachsenenalter Nervosität und neurasthenische Erkrankungen. Ein melancholischer Lehrer, der sich gehen lasst, bewirkt, dass das Kind seine Seelenregungen in seinem Inneren verbirgt, statt sie auszuleben. Dadurch kommt es im Erwachsenenalter zu Unregelmäßigkeiten von Atmung und Blutzirkulation und zu Herzkrankheiten. Ein sanguinischer Lehrer, der nicht an sich arbeitet, interessiert sich nur kurz und oberflächlich für seine Schüler. Dies verursacht beim Kind im späteren Alter einen Mangel an Vitalitat, Lebensfreude und Willenskraft. Steiner appelliert immer wieder an das Verantwortungsbewusstsein der Lehrer. Er ermahnt sie zur Selbsterziehung und leitet sie an, durch Meditation cholerischen Jähzorn, phlegmatische Teilnahmslosigkeit, sanguinische Fahrigkeit und melancholischen Trübsinn als Pädagogische Ursünden zu erkennen und die Folgen, die durch ihr Temperament eintreten können, zu bedenken.
DIE BEHANDLUNG DER TEMPERAMENTE
Um dem Temperament eines Kindes beizukommen, ist es nicht sinnvoll, die entgegen gesetzten Eigenschaften zu pflegen. Vielmehr" meint Steiner, müsse man dem Hang des Kindes entgegenkommen und auf das kindliche Temperament eingehen. So könne der junge Mensch seine überwiegende Anlage mit den anderen Temperamenten harmonisieren.
Das sanguinische Kind interessiert sich nur kurz für alles mögliche und wendet seine Aufmerksamkeit gleich wieder anderen Dingen zu. Es eilt von einem Eindruck zum anderen. Dem muss der Erzieher entgegenkommen, indem er dem Kind viele Eindrücke hintereinander bietet. Der Schüler reagiert darauf mit Antipathie gegen die rasch wechselnden Eindrücke und retardiert. Das melancholische Kind ist still, in sich gekehrt und wenig bewegt. Es ist innerlich beschäftigt, grübelt und brütet vor sich hin. Da ein Melancholiker durch äußere Eindrücke nur wenig ansprechbar ist, wäre es falsch, ihn mit seinem Gegenteil heilen zu wollen und ihm lebendige, lustige Vorstellungen zu vermitteln. Bietet jedoch der Lehrer durch sein Verhalten dem melancholischen Kind das an, was es selber ist, so erkennt es von aussen, was es in sich hat. Dadurch wird im Schüler das Gegenteil aufgerufen. Ein melancholisches Kind wird durch Melancholie geheilt. Das cholerische Kind setzt durch Toben seinen Willen durch. Es hat den zornigen, wütenden Säugling, der es einmal war, noch in sich. Ermahnungen, meint Steiner, nutzen nichts. Spielt aber der Lehrer dem Schüler sein cholerisches Toben vor, sieht das Kind, wie es selbst ist und wird sich beruhigen. Das phlegmatische Kind ist innerlich unbeschäftigt und in sich versunken. Es zeigt wenig Interesse für Eindrücke der Außenwelt. Was mit ihm geschieht, ist ihm gleichgültig. Versetzt sich der Lehrer in eine phlegmatische Stimmung, sieht das Kind das, was es in sich hat, neben sich und spurt, wie langweilig es ist.
Steiners Erkenntnisse finden ihren Niederschlag in der Sitzordnung der Waldorfschule. Der Lehrer prüft die Schüler seiner Klasse auf die vier Grundtypen hin und bildet vier Gruppen. Er setzt die Phlegmatiker zusammen, ebenso die Choleriker, die Melancholiker und die Sanguiniker. Die verschiedenen Temperamente schleifen sich aneinander ab und heilen sich gegenseitig. Beim Unterrichten ist es für den Lehrer von Bedeutung, sich, je nachdem was gerade geschieht, an eine bestimmte Temperamentgruppe zu wenden. Geht es z.B. darum, ein Urteil abzugeben, soll der Lehrer sich den Melancholikern zuwenden. Zeigt er etwas, was auf die Sinne wirken soll, spricht er die sanguinischen Kinder an. Durch die Zuwendung des Lehrers zu jeweils einer anderen Schülergruppe ergänzen sich die verschiedenen Temperamente. Die Kinder lernen voneinander. Was der einen Gruppe abgeht, wird durch die andere ersetzt.
lm Musikunterricht berücksichtigt der Waldorflehrer die Konkordanz von Temperament und Charakteristik der Instrumente. Die Auswahl, welches Instrument das Kind erlernen soll, geschieht aus pädagogischen Gründen und orientiert sich an seinem Temperament. Dem sanguinischen Kind entspricht wesensmassig ein Blasinstrument, dem Melancholiker ein Streichinstrument. Für den Choleriker eignet sich ein Schlaginstrument und dem Phlegmatiker wird ein Tasteninstrument empfohlen.
WALORFPÄDAGOGIK IST ERZIEHUNG ZUR FREIHEIT
Die Waldorfpädagogik will den jungen Menschen zur Freiheit seiner Individualität führen. Durch die Erfahrungen, die er mit seiner Umwelt macht, soll er zu sich selbst und zu seiner persönlichen Lebens- und Weltanschauung finden. Wie sich im Laufe der Entwicklung der Körper des Menschen verwandelt, so ändern sich mit zunehmendem Alter seine Bewusstseinszustande, seine Erlebnisfähigkeit und seine Denkstrukturen. Der Walddorflehrer sorgt dafür, dass durch die Erziehung der Körper und die Seele des Schülers so gebildet werden, dass der Geist darin frei walten kann. "Man muss so erziehen können, dass man für dasjenige, was aus einer göttlichen Weltordnung neu in jedem Zeitalter in den Kindern in die Welt herein tritt. die physischen und seelischen Hindernisse wegräumt, und dem Zögling eine Umgebung schafft, durch die sein Geist in voller Freiheit in das Leben eintreten kann" (Vortrag Steiners vom l9.8.1922.).
Der junge Mensch soll nicht in eine bestimmte Richtung gedrängt werden. Waldorferziehung will ihn befähigen, selbst Stellung zu nehmen und seinen eigenen Weg zu gehen. "Je reicher die Ausdrucksmöglichkeiten sind, die sich durch den physischen Organismus und durch die Seelenfunktionen dem menschlichen Ich darbieten. und je bewusster dieses Ich die Vielfalt dieser Anlagen nach seinen eigenen, auf selbständiges Denken gegründeten Entschlüssen verwenden kann, um so großer ist seine innere Freiheit. Wenn der Mensch als Erwachsener. als voll ausgereifte Persönlichkeit, die Verantwortung für seine eigene Weiterentwicklung in die Hand nehmen kann. ist das Register, das ihm jetzt zur Verfügung steht, weitgehend abhängig von den Diensten, die ihm seine Erzieher und Lehrer leisteten, als er sich noch in den Jahren der Kindheit und Jugend befand. Eine Pädagogik, die danach strebt, so viel wie möglich von den physischen und seelischen Hindernissen hinwegzuräumen, die sich der bewussten Herrschaft des 'Ich' im Erwachsenenalter in den Weg stellen können. Darf eine 'Erziehung zur Freiheit' genannt werden".
Der Lehrer, der den im werdenden Menschen schlummernden inneren Anlagen zur vollen Entfaltung verhelfen soll. muss eine Erkenntnis des Menschen und seiner Entwicklung haben. Diese Menschenerkenntnis bestimmt Unterricht und Erziehung in der Waldorfschule. Im Kind sind Leib, Seele und Geist noch eine ungegliederte Einheit. Sie sollen im Verlauf der Entwicklung emanzipiert werden. Das Ich durchläuft in seiner Entwicklung verschiedene Bewusstseinsstufen, in denen es sich in der Seele als Wollen, Fühlen und Denken erlebt. Vor dem Zahnwechsel, von der Geburt bis zum siebenten Lebensjahr, dominiert die leibliche Entwicklung. Erfahrungen werden wie im Tiefschlaf erlebt. Das Wollen überwiegt. Nach dem Zahnwechsel dominiert die seelische Entwicklung. Erfahrungen werden wie im Traum erlebt. Die vorherrschende Seelentätigkeit ist das Fühlen. Nach der Geschlechtsreife herrscht das Geistige vor. Es beginnt die Phase der intellektuellen Entwicklung. Der Mensch befindet sich in einem vollwachen Zustand. Erfahrungen werden ganz bewusst erlebt. Die Funktion des Denkens überwiegt .
In jedem "Jahrsiebt" treten Anlagen zu bestimmten Seelenkräften auf. Versäumt es der Erzieher, diese Fähigkeiten im entsprechenden Alter auszubilden, verkümmern sie. Die Waldorfpädagogik geht davon aus, dass zwischen Wollen, Fühlen und Denken ein Entwicklungsunterschied besteht. Sie folgt der Entwicklung des Menschen von der Geburt bis zum Erwachsensein und spricht dem Alter des Kindes entsprechend die drei Grundkräfte Wollen, Fühlen und Denken an. Der Schwerpunkt liegt nicht auf der kognitiven Ebene, sondern auf der Willens- und Gemütserziehung, weil diese für die Entfaltung einer gesunden Intelligenz Voraussetzung sind. Waldorfpädagogik erzieht Kopf, Herz und Hand, sie umfasst den ganzen Menschen. "Man wird erst das menschliche Seelenleben in seiner Einheit richtig verstehen können, wenn man wissen wird: wenn ein scheinbar reines Begehren in der menschlichen Seele, ein reines Wollen auftritt - so ist das eine jung-zuständliche Äußerung des Seelenlebens, da lebt die Seele in ihrem Jugendzustand. Tritt intellektuelles Leben auf, tritt Vorstellungsleben auf, so lebt die Seele in dem Zustand, der schon voraussetzt die Willensentfaltung, der geworden ist aus der Willensentfaltung, und das Gemüts- und Gefühlsleben steht mitten drin, so wie der 35-jährige Mensch zwischen dem Kinde und dem Greise. Durch das Gemütselement hindurch entwickelt sich das Wollen zum intellektuellen Leben".
ERZIEHUNG ZUM WOLLEN
In der Embryonalzeit ist das Kind von der schützenden Mutterhülle umgeben. Bei der Geburt wird der physische Leib geboren und der äußeren physischen Umgebung ausgesetzt. Ätherleib und Astralleib sind noch nicht frei. Da das Kind bis zum Zahnwechsel von der Äther- und Astralhülle umgeben ist, können Eindrücke weder den Äther- noch den Astralleib erreichen. Nur auf den physischen Leib kann in der Zeit zwischen Geburt und Zahnwechsel eingewirkt werden. Einwirkung auf den physischen Leib geschieht durch physische Eindrücke, durch das Sinnliche.
Durch die äußere physische Umgebung prägen sich die physischen Organe in gewisse Formen. Der Erzieher hat die Aufgabe, für eine "richtige" physische Umgebung zu sorgen, um eine richtige Entwicklung der kindlichen physischen Organe zu gewährleisten. Mit physischer Umgebung meint Steiner nicht nur das, was materiell um das Kind ist, sondern alles, was es mit den Sinnen aufnimmt. Dazu gehören z.B. auch das Verhalten und die Handlungen der Erzieher, die das Kind erlebt. Schlüsselworte für das Verhältnis des Kindes zu seiner Umgebung sind "Nachahmung" und "Vorbild". In diesem Alter ist es sinnlos, das Kind zu belehren. Belehrungen wirken formenbildend auf den Ätherleib, der vor dem Zahnwechsel noch nicht frei ist. Das Kind bis zum siebenten Lebensjahr lernt, indem es nachahmt. Die beste Methode, den kindlichen Willen zu festigen, ist das Vorleben von Willenskraft, Überwindung und Konsequenz. Das Beispiel der Erwachsenen wirkt formenbildend auf die physischen Organe und ist von entscheidender Bedeutung. Sieht das Kind in seiner Umgebung moralische Handlungen, wird sein Gehirn in die richtigen Bahnen gelenkt. Es entwickelt einen gesunden moralischen Sinn. Der Erzieher muss dem Kind, das nachahmt, das Gute, das Wahre, das Weise und das Schone vorleben. Das Kind muss in seiner Umgebung nachahmenswerte Vorbilder vorfinden.
Zur richtigen physischen Umgebung gehört auch die Auswahl der Farben, mit denen ein Kind umgeben ist. Werden dem Kind richtige Farb- und Lichtverhältnisse angeboten, entwickelt sich gesundes Sehen. Jede Farbe erzeugt im Inneren des Menschen eine Gegenfarbe. Blau erzeugt eine orangegelbe Farbe, die anregend wirkt. Daher sollen lethargische Kinder mit möglichst vielen blauen oder blaugrünen Farbtonen umgeben sein. Rote oder rotgelbe Farben erzeugen im Inneren ein grünes Gegenbild. Grün hat eine beruhigende Wirkung. Es ist daher günstig, nervösen oder aufgeregten Kindern eine Umgebung mit vielen roten Farbtonen zu bieten.
Besonders wichtig für die Entwicklung des Kindes ist gutes Spielzeug. Ein Spielzeug ist gut und empfehlenswert, wenn es der Phantasie des Kindes noch Raum gibt und die Bildungstätigkeit des Gehirns anregt. Bei einer gekauften, fertigen Puppe z.B. bleibt für die Phantasie des Kindes nichts mehr zu tun. Bei einer aus einer Serviette selbst geknoteten Puppe hingegen wird die Vorstellungstätigkeit angeregt. Das Kind muss Phantasie entwickeln, um in der Serviette eine Puppe sehen zu können.
Im ersten "Jahrsiebt" lernt das Kind sprechen. Es lernt nicht verstandesmäßig, sondern durch Nachahmung, indem es hort und nachspricht. Der schone Klang ist in diesem Alter wichtiger als der Sinn. Kinderlieder, rhythmische Reime, tanzende Bewegungen wirken auf die kindlichen Sinne und sind anzubieten. "Zu der Entwicklung eines gesunden, kraftvollen Willens wird der Grund gelegt durch die richtige Handhabung der betrachteten Erziehungsgrundsatze wahrend der ersten sieben Lebensjahre. Denn ein solcher Wille muss seine Stütze in den voll entwickelten Formen des physischen Leibes haben" .
ERZIEHUNG ZUM FÜHLEN
Mit dem Zahnwechsel fallt die Ätherhülle. Der Ätherleib ist frei und kann von außen erreicht werden. Da der Ätherleib nicht stofflich ist, wirkt auf ihn nicht das Sinnliche, sondern das Geistig- Anschauliche. Für abstrakte Vorstellungen ist es noch zu früh. Sie wirken noch nicht, weil der Astralleib noch nicht frei ist. "Immer ist eben festzuhalten, dass nicht abstrakte Vorstellungen auf den sich entwickelnden Ätherleib wirken, sondern lebensvolle Bilder in ihrer geistigen Anschaulichkeit". Steiner distanziert sich vom üblichen anschaulichen Unterricht, bei dem die Sinne des Kindes angesprochen werden. Es ist die Phantasie des Kindes, die angesprochen und gelenkt werden soll. Der junge Mensch muss, noch bevor er sie verstandesmäßig begreifen kann, die Gesetzlichkeiten des Lebens mit dem Gefühl aufnehmen. Durch Bilder, Gleichnisse und Symbole, die vor allem das Gefühl und die Phantasie ansprechen, erahnt und erfühlt das Kind die Gesetze des Lebens, bevor es sie in Form von Naturgesetzen erfahrt. Ein Beispiel für ein solches Gleichnis ist das Hervorgehen des Schmetterlings aus der Puppe als Bild für das Hervorgehen der Seele aus dem Leib nach dem Tode.
Für alles muss der Lehrer ein Bild oder Gleichnis anbieten. Er muss sein Wissen über die Geheimnisse und Schönheiten der Natur in anschauliche Bildlichkeit umsetzen können. Für den geisteswissenschaftlich denkenden Lehrer sind diese Gleichnisse Wirklichkeiten, an die er selbst glaubt. Der Glaube des Lehrers, den der Schüler spurt, bewirkt bei diesem Überzeugung. "Die Geisteswissenschaft hat für alle Weltgeheimnisse die zutreffenden Gleichnisse, die aus dem Wesen der Dinge genommenen Bilder, die nicht erst der Mensch schafft, sondern die von den Kräften der Welt selbst. beim Schaffen zugrunde gelegt werden. Deshalb muss die Geisteswissenschaft die lebensvolle Grundlage aller Erziehungskunst sein". Die Gefühlswelt entwickelt sich besonders durch die Pflege des Schönheits- und Kunstsinnes. Daher nehmen in der Waldorferziehung die künstlerischen Bücher einen breiten Raum ein. Indem der Sinn für Architektur und plastisches Gestalten, für Linie und Zeichnerisches, für Malen und Farbharmonie, für Musik und Rhythmus erweckt wird, kann sich der Ätherleib des Menschen immer vollkommener ausgestalten. Der Schönheits- und Kunstsinn lasst das Kind das Gute als schon und erstrebenswert, das Schlechte als hässlich und abstoßend empfinden. Dadurch entwickelt sich im jungen Menschen ein moralisches Gefühl.
Den stärksten Eindruck auf den Ätherleib rufen jene Empfindungen und Vorstellungen hervor, durch die der Mensch sich seiner Stellung in der Welt und im Kosmos bewusst wird, das sind religiöse Erlebnisse. Da das Kind im Schulalter besonders aufgeschlossen und empfänglich dafür ist, darf der Lehrer nicht versäumen, ihm die religiöse Erlebniswelt zu erschließen. In der moralischen Erziehung wird mit der Polarität von anziehenden und abstoßenden Kräften gearbeitet. Statt abstrakter Belehrungen vermittelt der Lehrer die Erfahrungen der Menschheit durch das Erzählen von Märchen, Fabeln und Legenden, Mythen und Sagen. Das berührt das Kind in seinem Gemüt und seinem moralischen Empfinden und motiviert es zu richtigem Verhalten.
Lehrstoff und Moralisches können auch miteinander verknüpft werden, z.B. im Geschichtsunterricht. Da es in diesem Alter noch zu früh ist, von Kausalitäten zu sprechen, wird die Geschichte durch einzelne Persönlichkeiten und Gestalten an das Kind herangebracht. Diese Vorbilder der Geschichte, die der Lehrer in Form von Erzählungen anbietet, spornen den Schüler zur Nachfolge an. Auch ein anschaulich dargebotenes Bild eines schlechten Menschen kann verwendet werden, um dem Kind zu zeigen, wohin schlechte Neigungen führen und es dazu bringen, seine schlechten Gewohnheiten zu bekämpfen.
Besondere Beachtung muss der Entwicklung des Gedächtnisses geschenkt werden. Das Kind muss nicht alles verstandesmäßig erfassen, was es sich gedächtnismäßig aneignet. Steiner meint: „...man kann ebenso mit dem Gefühle, mit de Empfindung, mit dem Gemüte verstehen wie mit dem Verstande!“). Wie das kleine Kind, ohne von Sprachgesetzen eine Ahnung zu haben, sprechen lernt, muss das Kind im Schulalter Dinge sich rein gedächtnismäßig aneignen und speichern, die es erst später, im dritten „Jahrsiebt“, verstandesmäßig und begrifflich erfassen kann. „In gewisser Beziehung sollte das Erfassen in Begriffen aus dem aufgespeicherten Gedächtnisschätze genommen werden. Je mehr der junge Mensch schon gedächtnismäßig weiß, bevor er ans begreifliche Erfassen geht, desto besser...“.
Der Lehrer muss im zweiten „Jahrsiebt“ dem Kind als selbstverständliche Autorität gegenüberstehen, zu der es in Verehrung und Ehrfurcht aufschaut. Das Schulkind erlebt die Welt am Erzieher. Er ist die Verkörperung von Güte, Wahrheit, Schönheit und Weisheit. Schlüsselworte der Erziehung sind jetzt „Nachfolge“ und „Autorität“. Durch das Beispiel des Lehrers, dem das Kind nacheifert, werden in ihm die gewünschten moralischen und intellektuellen Kräfte geweckt. „Wir fordern die Herzensentwicklung und die Entwicklung des ganzen Menschen, wenn wir in diesem Lebensalter die Empfindung wachrufen: Etwas ist wahr, etwas ist schon, etwas ist gut, weil. die verehrte Autorität des Lehrenden, des Unterrichtenden zeigt, dass sie dieses für wahr, für schon, für gut halt. Im Menschen, im konkreten, realen Menschen sucht das Kind die Verkörperung von Wahrheit, Schönheit und Güte. Das wirkt auf das Kind, wenn das, was Wahrheit, Schönheit, Gute darstellt, ausgeht von der konkreten Erzieher-Individualitat. Das wirkt mit einer ungeheuren Lebendigkeit. Das Kind strengt seinen ganzen Menschen an, um innerlich ein Echo hervorzurufen von dem, was der Lehrer sagt oder sonst wahrnehmbar macht" .
ERZIEHUNG ZUM DENKEN
Zwischen Wollen, Fühlen und Denken besteht einerseits eine Einheit, anderseits aber auch ein Entwicklungsunterschied. Intellektuelles Leben setzt Willens- und Gemütsentwicklung voraus. Denn Denken ist zwar hauptsachlich erkennend, ist aber mit dem Willen und dem Gefühl verwoben. Daher ist alles, was für die Willens- und Gefühlserziehung geschieht, eine Grundlage für gesundes Denken. Steiners Menschenerkenntnis entsprechend kann beim kleinen Kind noch nicht der Intellekt angesprochen und ausgebildet werden. Das Intellektuelle ist aus einer kindlich- künstlerischen Erziehung herauszuholen: durch Musik und bildende Kunst, durch Körperübungen, die mit dem Künstlerischen verbunden sind.
Im Schulalter soll das Denken am Anschaulichen und Bildhaften entfaltet werden. Steiner schlügt z.B. Symmetrieübungen vor, um im Kind das Form- und Harmoniegefühl zu entwickeln und es den Sinn für Gesetzmäßigkeiten erkennen zu lassen. Der Lehrer bietet dem Kind eine halbfertige Figur an. Der Schüler, der das Fehlen an der Figur empfindet, soll die Gestalt vollenden "Das Kind wird sich zunächst höchst ungeschickt benehmen, aber es wird nach und nach im Ausgleichen von etwas ein denkendes Anschauen und ein anschauendes Denken entwickeln. Das Denken wird ganz im Bild bleiben" .An bestimmten Figuren kann das Kind das Gefühl für Gesetzmäßigkeiten entwickeln, das Zusammen- und Auseinandergehen der Linien . Verändert der Lehrer die krummen Linien zu geraden Linien mit Ecken, erkennt das Kind, dass beide Figuren denselben Charakter haben. Übungen, die das Kind an sich selbst machen kann, entwickeln ebenfalls das anschauliche Denken. "Beschreibe einen Kreis mit deiner rechten Hand um die linke! Beschreibe einen Kreis mit deiner linken Hand um die rechte! Beschreibe zwei Kreise, die die Hände ineinander bilden! Beschreibe zwei Kreise, mit der einen Hand nach der einen Seite, mit der anderen Hand nach der anderen Seite! Man lasse es immer schneller und schneller machen. Bewege schnell den mittleren Finger deiner rechten Hand! Bewege schnell den Daumen der rechten Hand! Bewege schnell den kleinen Finger! So lässt man am Kinde selber mit rascher Geistesgegenwart allerlei Übungen machen. Was ist der Erfolg solcher Übungen? Wenn ein Kind solche Übungen um das 8. Lebensjahr herum macht, so lernt es durch solche Übungen denken, und zwar denken für das Leben. Wenn man direkt denken lernt durch den Kopf, so ist das nicht denken für das für das Leben, dann wird man später denkmüde.
Die denkend-erkennende Tätigkeit besteht aus Schlüssen, Urteilen und Begriffen. Nie darf der Lehrer dem Schüler fertige Schlüsse und tote Begriffe in das Gedächtnis legen. Er muss dem Kind lebendige Begriffe übermitteln. die sich mit dem Kind entwickeln und umwandeln können. Indem der Lehrer nicht definiert, sondern charakterisiert. die Dinge unter möglichst viele Gesichtspunkte stellt, gibt er dem Schüler die Möglichkeit. später in freier Verantwortung zu wählen und zu urteilen.
Erst wenn der Astralleib frei geworden ist. das ist mit der Geschlechtsreife. kann alles das, was die Urteilskraft und den freien Verstand entfaltet. von außen an den jungen Menschen herankommen. Jetzt erst kann sich der Jugendliche ein eigenes Urteil bilden über die Dinge, die er vorher rein gedächtnismäßig gelernt und gespeichert hat. Ein reifes Denken und ein eigenes Urteil sind nur möglich, wenn der Mensch sich Achtung vor dem, was andere gedacht haben, angeeignet hat. "Es gibt kein gesundes Denken, dem nicht ein auf selbstverständlichen Autoritätsglauben gestütztes gesundes Empfinden für die Wahrheit vorangegangen wäre" .
Der junge Mensch muss. sagt Steiner, zuerst lernen. um später urteilen zu können. Bevor der Verstand urteilt. müssen alle anderen Seelenkräfte mobilisiert werden. Die Rolle des Verstandes ist vor der Geschlechtsreife nur die eines Vermittlers. Er nimmt das Gesehene und Gefühlte einfach in sich auf, ohne darüber zu urteilen. Es ist daher von Bedeutung, dass die Schüler im zweiten "Jahrsiebt" mit dem Gedankengut anderer Menschen vertraut gemacht werden. Der Lehrer muss aber darauf achten. dass seine Schüler diese Ansichten mit dem Gefühl aufnehmen und sich nicht durch ein verfrühtes Urteil für eine bestimmte Meinung entscheiden.
aus: Kucirek, Xenia: Die Bildungsphilosophie Rudolf Steiners und ihre Realisierung an der Waldorfschule, Bern [etc], 1994
