Fußball an der Waldorfschule (?)
Aus Waldorfwiki
Es gibt ja immer wieder (wenn auch immer seltener) die Diskussion an einigen Waldorfschulen; Darf man Fußball spielen oder darf man nicht? Ich selbst war in der 1.+ 2. Klasse auf der Emil-Molt-Schule (Waldorf) in Berlin. Zu meinem Unglück lieb(t)e ich Fußball und spielte viel. Dann kam ein Anruf von meiner Klassenlehrerin, die meiner Mutter beibringen wollte, dass ich mit dem Fußball aufzuhören habe. Zum Glück war meiner Mutter diese Meinung ziemlich egal aber trotzdem stellt sich seitdem bei mir die Frage, die sich wohl auch einige andere stellen. WARUM? Seitdem hörte ich einige Argumente wie "man solle den Ball nicht treten, denn die Kugel repräsentiert die Erde" oder, dass der Sport zu brutal, agressiv und damit verblödend sei. Irgendwie konnte ich das nie glauben. Fußball, wenn man ihn denn richtig spielt, stellt auch an den Kopf hohe Anforderungen, die Großen des Fußballs waren geniale Köpfe und Strategen. Klar ist Fußball und allgemein Sport nicht jedermanns Sache aber muss gleich ein Verbot sein? Und woher kommt diese Haltung? War Steiner vielleicht extrem unsportlich und entstand dadurch eine innere Wut und Abneigung in ihm? Wohl nicht. Ich habe ein wenig recherchiert und bin zu dem Resultat gekommen, dass es alles eher ein Missverständnis ist. Jedenfalls war ich seit dem Anruf meiner Lehrerin noch auf zwei anderen Waldorfschulen, an denen Fußball alles andere als verpönt war, darunter die Rudolf-Steiner-Schule in Berlin. Trotzdem bleibt die Warum-Frage.
Also, Antworten werden gesucht...
Sportliche Grüße, Max Kurz
Hier schonmal einiges zur Anregung (oder sogar mögliche Antworten):
Fußball an der Waldorfschule
Entkräftung eines Gerüchtes
Waldorf darf Fußball!
Von Christian Grauer
Das Fußballverbot an Waldorfschulen, so es noch besteht, kann mit vielem begründet werden - nur nicht mit Rudolf Steiner. Christian Grauer, selbst Waldorfschüler und Nicht-Fußballspieler, hat recherchiert - und entlarvt einen Mythos.
Wenn in meiner nachbarschaftlichen Kindergemeinschaft mal wieder Fußball angesagt war, draußen auf der Wiese, am Ende des Wohngebietes, dann musste auch ich mitspielen. Links hinten - weit hinten - in der Verteidigung, um die Mannschaft vollzukriegen. Das Fußballverbot in der Waldorfschule, die ich dann später besuchte, kam mir insofern entgegen und war dort eigentlich nie wirklich ein Problem für mich. Vielleicht auch, weil meine Schule in der Stadt eines Eishockey-Bundesligisten stand und insofern Fußball dort ohnehin nur zweite Wahl war. Und immerhin durften wir irgendwann Hockey im Turnunterricht spielen.
Heute schaue ich zwar auch mal gerne zu, wenn Brasilien gegen Griechenland verliert, von Leidenschaft kann aber nicht die Rede sein. Im Grunde ist mir Fußball so gut wie egal; praktisch wie theoretisch. Eishockey übrigens auch - und wenn ich ehrlich bin auch Hand-, Feder- und Basketball. Aber Fußball hat natürlich in Deutschland und in vielen anderen Ländern einen besonderen Stellenwert. Es ist die populärste Sportart. Ich fürchte, das allein genügt an vielen Waldorfschulen schon für einen Bannfluch. Denn was populär ist, was die Mehrheit macht, was Mode ist, das ist hier von vornherein verdächtig. Waldorf lebt wie jede Alternativbewegung auch vom Anderssein als Selbstzweck.
Aber beim Fußball muss es noch mehr sein. Die Konsequenz und Vehemenz, mit der das Fußballverbot an Waldorfschulen zu meiner Schulzeit praktiziert wurde und teilweise noch heute praktiziert wird, steht in einem so krassen Kontrast zu der relativen Harmlosigkeit dieser Sportart (es wird von zwei Mannschaften zu je elf Personen versucht, einen Ball nur mit dem Fuß - manchmal auch mit dem Kopf - in das jeweils gegnerische Tor zu manövrieren), dass mehr hinter dieser Abneigung stecken muss als nur etwas Elitarismus. Und so wird man auf die Frage nach den Gründen eher nebulös, aber stets bedeutungstragend auf menschenkundliche Aspekte und entsprechende Erklärungen Rudolf Steiners verwiesen. Das geht von allgemeinen Verweisen auf die Grobheit dieser Sportart über die "unnatürliche Benutzung der Beine und Degradierung der Hände" bis hin zu Verstiegenheiten wie der Erklärung, der Ball, als "Symbol der Erde", dürfe nicht mit Füßen getreten werden (1). In Wahrheit gehen diese Erklärungen wahrscheinlich alle zurück auf das 1955 erschienene Buch Leibesübungen und Bewusstseinsschulung, in welchem der Waldorfturnlehrer Rudolf Kischnick den Fußball verteufelt und als "Totenkopfspiel" bezeichnet. Ich habe Kischnicks Buch nicht selbst gelesen und vermutlich ist es gar nicht mehr erhältlich. In Anbetracht dessen, was man darüber hört, schwant mir dabei allerdings nichts Gutes. Doch ich gestehe jedem zu, seine eigene Meinung über Fußball zu haben. Und ich gestehe auch jeder Waldorfschule zu, in ihren Turnlehrplan aufzunehmen, was ihr beliebt. Ich bin ein eifriger Verfechter der Bildungsfreiheit! Und wenn es den Fußball trifft - nun gut.
Aber wie verhält es sich denn nun mit Rudolf Steiners "menschenkundlichen Hinweisen"? Das interessiert mich. Und zwar nicht wegen des Fußballs, sondern weil mir selbst nicht auch nur ansatzweise ein vernünftiger Grund einfällt, warum beispielsweise Handball, Baseball oder das waldorfseits so oft gespielte (und von mir gehasste) "Völkerball" (zwei Mannschaften sind gehalten, sich wie Hühner hin und her scheuchen zu lassen, um sich dann gegenseitig durch gezielten Ballwurf "abzuschießen") irgendwie besser, edler, gesünder, "geistiger" sein sollte als Fußball. Wenn es dazu einen menschenkundlichen Hintergrund gibt, dann stelle ich mir vor, dass der richtig spannend sein muss.
Also ziehe ich die Gesamtausgabe des Steiner'schen Werkes, die "GA", zu Rate, die zum Glück endlich in digitaler Form und recherchierbar vorliegt: Was findet sich da wohl an interessanten Aussagen unter dem Stichwort Fußball? - Wer Interesse hat, lese die drei Fundstellen im Anhang nach, denn ich verrate nicht zu viel, wenn ich es vorwegnehme: man findet dazu nichts; rein gar nichts; nullkommaüberhauptnichts!
Steiner war Sport sehr suspekt. Keine Frage. Da gibt es auch menschenkundliche Ausführungen dazu. Meine Lieblingsstelle: "Sport ist praktischer Darwinismus." Das gefällt mir. Anderen vielleicht nicht. Man kann aber dazu stehen, wie man will: Das trifft alle Sportarten. Auch dass "die modernen Sportgeschichten" den Menschen "mechanisieren" (2), mag gar nicht falsch sein, solange man es ins richtige Fach menschenkundlicher Relevanz einordnet und dabei das Leben nicht vergisst(3). Aber auch das gilt wieder für den Sport insgesamt, und nicht nur für ihn. Mit dem Auto in die Schule gefahren zu werden, ist auch nicht gerade ein eurythmisierender Vorgang. Sport wirkt dagegen immerhin noch sozial integrativ. Uns jedoch treibt aber doch die Frage nach der Besonderheit des Fußballspieles um. Da findet es Steiner bedauernswert, dass beispielsweise Fußball populärer ist, als sich um wichtige Dinge zu kümmern.(4) Da stimme ich ihm wieder zu - aber auch hier ist der Fußball nur ein prominentes pars pro toto. Was sollte daran "menschenkundlich" sein? Und: Fußball sei "internationaler" als geistige Initiativen.(5) Ein signifikantes Zeitzeichen, keine Frage - aber nichts Menschenkundliches über Fußball! Und das war's dann auch schon. Drei Fundstellen in über 350 Bänden.
Es findet sich offenbar keine einzige handgreifliche Aussage von Rudolf Steiner über das Thema Fußball, aus der irgendein Urteil über dessen Vor- oder Nachzüge gegenüber anderen Sportarten innerhalb der Kunst der Erziehung abgeleitet werden könnte. Es handelt sich beim waldörflichen Fußballverbot also um nichts anderes als einen schieren Mythos. Ebensogut könnte man unter Berufung auf Steiners Menschkunde das Bockspringen, den Stufenbarren oder Völkerball verbieten. Allerdings würde man damit manchem Schüler wenigstens eine Freude bereiten.
