Handarbeit
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Handarbeitsunterricht von Klasse 1 bis Klasse 12
Im Lehrplan der Rudolf Steiner Schulen/Waldorfschulen steht der Handarbeitsunterricht an prominenter Stelle: Alle Schülerinnen und Schüler werden in diesem Fach in den ersten acht Schuljahren unterrichtet. In der Oberstufe ist das Fach erweitert und in verschiedene Kunsthandwerke differenziert. (Die vollständigen Artikel finden Sie in der Erziehungskunst, Ausgabe Mai 2002)
Der Schäfer geht zum Tor hinein - Zum Handarbeitsunterricht der 1. und 2. Klasse
Eva Jentschura
Wenn man am Ende des ersten Schuljahres sieht, wie stolz der kleine Schüler sich seinen fertigen, selbstgestrickten Flötenbeutel umhängt, dann ahnt der Außenstehende kaum, was das Kind auf diesem Weg wirklich alles gelernt hat. Mit großen Erwartungen und ganz gespannt kommen die Kinder in der ersten Klasse nach den Herbstferien, wenn sie sich schon ein wenig an den Schulalltag und die neue Gemeinschaft gewöhnt haben, in den Handarbeitsunterricht. Der Unterricht findet an der Kasseler Waldorfschule in einem eigenen Handarbeitsraum statt, so dass das Kind von vornherein in eine besondere Arbeitsatmosphäre eintaucht. Da gibt es Arbeiten von Schülern der höheren Klassen zu sehen ("Oh ja, das lerne ich auch einmal"), da hängen Entwürfe für eine bevorstehende Arbeit ("Was das wohl wird?"), an einer Wand ist pflanzengefärbte Wolle zu sehen, manchmal liegt auch ein Stapel mit verschiedenen Stoffen auf einem Tisch oder es steht ein Korb mit den Arbeiten einer anderen Klasse für die nächste Stunde bereit.Die Erstklässler sitzen in einem Stuhlkreis. Hier erleben sie sich ihrem Alter gemäß noch ganz als Gruppe, in der Mitte steht ein Hocker mit einem farbigen Seidentuch und einem der Jahreszeit entsprechenden Blumenstrauß. Das Schönste aber ist der in den Kreis integrierte Schäfertisch. Aus großen Wurzeln, Steinen und Zapfen ist hier eine Landschaft mit einem selbstgemachten Schäfer, einem Jungen (unser Hansel) und zwei Hütehunden aufgebaut worden, auch gibt es einen Schäferwagen. Im Laufe der nächsten Stunden kommen aus Rohwolle gewickelte Schäfchen und ein mit den Fingern gedrehter Faden als Zaun dazu. Die Stunde beginnt mit einem Spruch mit Bildern aus der Märchenwelt und dem Bezug zur Arbeit, darauf wird kräftig die Geschicklichkeit durch Fingerspiele geübt. Die Kinder lieben diese Fingerspiele und sind zutiefst befriedigt, wenn sie auch die schwierigsten beherrschen. Ganz beliebt ist das "Spaßstricken", wobei sich der rechte Zeigefinger auf den linken Daumen legt und dann der linke Zeigefinger sich zum rechten Daumen bewegt, dies wird ständig wiederholt und dazu sprechen wir den Spruch von M. Garff:Der alte Schäfer Siebenschuhder raucht Tabak und strickt dazu.Die Wolle stammt von einem Schaf,das heißt Marie und ist sehr brav.Und also strickt in guter Ruhden Zwickelstrumpf der Siebenschuh. (...)
Nebenarbeiten - Freie Gestaltung von Anfang an
Eva Dietrich
Immer wieder wird das Thema "Umhüllung der menschlichen Gestalt" von verschiedenen Ansatzpunkten im Handarbeitsunterricht aufgegriffen.In der ersten Klasse fertigen die Kinder in meinem Unterricht mit viel Gestaltungsfreude die unterschiedlichsten Figuren an: Um ein Skelett aus Pfeifenputzern wird die Märchenwolle gewickelt und verwandelt sich in Bekleidung, Haare, Schuhe, Hüte. Bei dieser Arbeit zeigen sich sowohl das Wesen als auch der Entwicklungsstand des Kindes recht deutlich: Ein Kind hat noch Mühe, aus den Pfeifenputzern eine differenzierte Gestalt zu formen, und wickelt ein Baby mit Kopf, Armen und einem langen dicken Leib aus einem Wollstrang in einer Farbe. (...)
Die Puppenspieler - Handarbeit in der 3. Klasse
Ita Lernpeiss
Als bewegt und ereignisreich erleben wir eine dritte Klasse in der Waldorfschule. Ackerbau, Handwerk, Hausbau, viele elementare Kulturtechniken der Menschheit, dazu als Erzählstoff das "Alte Testament", können wahre Sternstunden im Hauptunterricht bieten. Zwar sehe ich einerseits mit einem weinenden Auge die Erst- und Zweitklässler verschwinden, deren Lieblingsfach die Handarbeit war, die alles begeistert hingenommen haben - andererseits ist es eine große Freude, wenn die Kinder "aufwachen", wenn sie kritisch und mit Bewusstsein beginnen, "ins Leben zu treten". Sicher, jetzt hört man auch: "Ich habe keine Lust" oder ähnliches. Es ist auch nicht mehr ganz so leicht, sie mit Erzählungen zu begeistern, aber wenn es gelingt, hat das eine neue, sehr erfrischende Qualität. (...)
Das Kreuz mit den Stichen - Die Kreuzstichtasche im vierten Schuljahr
Ursula Ohlendorf
Ein Schülergespräch im Handarbeitsunterricht am Ende der ersten Klasse: A: "Ja, und wenn der Flötenbeutel fertig ist, dann kommt das Püppchen." B: "Und dann kommen die Hängematte und der Topflappen." C weiß noch weiter: "In der dritten Klasse stricken wir die Mütze und dürfen Spinnen, Weben />, nähen und das Nadelbüchlein sticken!" Schüler D weiß es noch besser: "In der vierten Klasse kommt die große Sticktasche dran, mein Bruder hat fast ein ganzes Jahr dazu gebraucht!" Dieses Kindergeplauder zeigt, wie sich in einer Schule im Laufe von vielen Jahren eine Tradition ausbildet, die - solange sie lebendig und frisch ist - den Kindern und den Lehrern einen wohltuenden Halt gibt. (...)
Im Labyrinth des Minotaurus Strümpfe - und Handschuhestricken in der 5. Klasse
Johanna Hennersdorf
Die Kinder der 5. Klasse sind im Durchschnitt elf Jahre alt. Vollzieht sich die Entwicklung in harmonischer Weise, haben wir ausgeglichene, sonnige junge Menschen vor uns. Neu ist in dieser Klasse der Morgenspruch, der im Gegensatz zum bisherigen: "Der Sonne liebes Licht" mit dem "Ich" beginnt: "Ich schaue in die Welt." Damit ist ein großer Wandel in der Entwicklung des Kindes angedeutet, der bevorsteht und langsam einsetzt. In unserer heutigen Zeit kommt es jedoch oft zu mehr oder weniger starken Verfrühungen, so dass ein Ungleichgewicht des geistig-seelischen Reifens im Verhältnis zur körperlichen Entwicklung entsteht. Das ist im 5. Schuljahr deutlich zu spüren an schwer zu motivierenden Schülern mit vorpubertären Verhaltensweisen. (...)
Ein sanguinischer Elefant - Tier- und Puppennähen in der 6. Klasse
Johanna Hennersdorf
Eine wichtige Entwicklungsstufe ist mit dem Eintritt in die 6. Klasse erreicht. Die Schüler fragen nach Ursache und Wirkung, sie suchen nach Wegen, ihr erwachendes Kausalitätsbedürfnis an den naturwissenschaftlichen Phänomenen denkerisch zu erproben. Im Hauptunterricht kommen demgemäß neue Fächer dazu wie z. B. Physik, Geometrie und Schattenlehre. Im praktischen Bereich werden Handwerk und Gartenbau der Handarbeit zugesellt. Der Fächerkanon ist darauf ausgerichtet, die Welt begreifen und ergreifen zu lernen. Das Thema in der Handarbeit sind Tiere- und/oder Puppennähen. Wesentlich an dieser Arbeit ist es, den Puppen einen "seelischen Ausdruck" zu geben und beim Tier etwas typisch Wesenhaftes in Gestalt und Bewegung erscheinen zu lassen. Die Arbeit beginnt mit der Schilderung eines Tieres, wie es geht, sich bewegt, brüllt oder wiehert, frisst und trinkt und von welchen äußeren Einflüssen wie Landschaft und Klima es geprägt wird. (...)
Zeigt her eure Füße und Schuh' - Handarbeitsunterricht in der 7. Klasse
Waltraud Kuhn
Im 7. und 8. Schuljahr treten die Schüler in eine neue Phase der Entwicklung ein. Sie wollen jetzt die Welt in ihrem Wahrheitsgehalt begreifen können. Kritisches Denken, eigenes Urteilen wirken von nun an auch beim Gestalten einer Handarbeit mit. Was bei dieser Arbeit vorher mehr aus dem gefühls- und willensmäßigen Erleben heraus getan wurde, das will jetzt vom Schüler selbst erfasst und mit dem Denken in Einklang gebracht werden.Rudolf Steiner spricht für die Pubertätszeit von "Erdenreife". Damit sind umfassende Reifungsvorgänge gemeint: Große physische Veränderungen treten ein. Auffällig schnell wachsen die Gliedmaßen. Da muss auch die Stützfunktion der Beine und Füße zunehmen. Die Bewegungen werden schwerer und langsamer. Was in der Bewegung der Glieder äußerlich sichtbar wird, das wird auch innerlich, im Seelenraum des jungen Menschen erlebt, und zwar als Anstrengung, als Überwindung von Widerständen. Denn durch jede Bewegung muss die Last des Leibes gegenüber der niederziehenden Schwere überwunden werden. Die Fußfläche erreicht ihre größte Ausdehnung und damit die ausgedehnteste Berührung mit dem Erdboden. (...)
Kostümgestaltung für das Achtklass-Spiel
Ruth Bräutigam
"Beginnen wir heute mit den Kostümen?" Dies ist meist die erste Frage, sobald das Theaterstück feststeht, das die achte Klasse während längerer Zeit begleiten wird. Als erstes versuchen wir verschiedene Charaktere, ausgedrückt in Adjektiven, mit Farben darzustellen: zornig, untergeben, lieblich, gehorsam, bestimmend, geizig, ängstlich, herrschend, barmherzig usw. Eine Vielfalt von farbigen (nicht gemusterten) Stoffen liegt in der Anordnung des Farbkreises bereit für diesen Arbeitsschritt.Jede Schülerin, jeder Schüler schreibt auf einen Zettel zwei bis drei Eigenschaften, für die anschließend die entsprechenden Farbtöne ausgesucht und auf ein kleines Stück Nesselstoff aufgenäht werden. Alle Schüler arbeiten die selbstbestimmten Charaktere in den entsprechenden Farben aus und hängen die dafür gewählten Stoffe an die Steckwand. (...)
Von der Nähmaschine zum Laufsteg - Handarbeitsunterricht in der 8. und 9. Klasse
Verena Simon
"Es ist notwendig, wenn das Kind in das geschlechtsreife Lebensalter kommt, dass in ihm erweckt wird ein bis zu einem gewissen Grade außerordentlich großes Interesse für die Außenwelt. Es muss durch die Art des Unterrichtens und der Erziehung die Außenwelt mit ihrer Gesetzmäßigkeit sehen, mit ihrem Verlauf, mit ihren Ursachen und Wirkungen, mit ihren Absichten und Zielen." Befriedigung des Kausalbedürfnisses und der Sehnsucht, die Welt zu durchschauen: Alles, was das Kind lernt im Lauf seiner Schuljahre, solle zuletzt "irgendwie so verbreitert werden, dass es überall die Fäden hineinzieht ins praktische Menschenleben." Diese Hinweise finden ihre Anwendung im Lehrplan der siebten und achten Klasse. Steiner spricht sogar von negativen Auswirkungen für das soziale Leben, wenn Menschen unserer Zeit durch eine Fabrik gehen und das Gefühl haben, sie verstehen nichts von dem, was da vor sich geht. (...)
Nicht von Pappe - Kartonage und Buchbinden in der 11. und 12. Klasse
Brunhilde Lechler
Der Handarbeitsunterricht bekommt in der 11. und 12. Klasse einen ganz neuen Akzent durch die Arbeit mit Papier und Pappe. In den vorangegangenen Schuljahren fand dieses Material vorwiegend für die Entwurfsarbeit und für Schnittmuster Verwendung. Nun sollen die Schüler Papier und Pappe als eigenständige Werkstoffe kennen lernen und ihre Anwendungsmöglichkeiten verstehen.Als alltägliches Ge- und Verbrauchsmaterial steht Papier heute völlig selbstverständlich jedem in beliebiger Menge zur Verfügung - zumindest in den hochindustrialisierten Ländern. Für kurzlebige Arbeiten - von Faltsternen über Papierblumen oder geometrische Körper bis hin zu Papierfliegern - konnten die Schüler in früheren Klassenstufen bereits vielfältige Erfahrungen mit Papier sammeln, ohne sich dabei die besonderen Eigenschaften des Materials wirklich bewusst zu machen. Gewöhnlich beachtet man es kaum, es gilt als ausgesprochenes Wegwerfmaterial, scheint wenig dauerhaft und in seinem Gebrauchswert äußerst begrenzt, auch im strengen Sinne nicht lebensnotwendig, eine Art Luxus.Papier und Pappe können heute vielfach von Kunststoffen problemlos ersetzt werden. Diese sind oft viel unempfindlicher und dauerhafter; was ihnen jedoch fehlt, ist der haptische Reiz, den das Papier als natürliches Material gerade durch seine Empfindlichkeit besitzt. Hat nicht jeder von uns schon einmal die herausfordernde Wirkung eines schlichten weißen Papierblattes erlebt? Weckt es nicht durch sein bloßes Dasein geistige Aktivität im Menschen, Phantasie und Gestaltungswillen?Selbstverständlich sind Kartonagearbeiten und Bücher heute sehr viel billiger industriell herzustellen, bei schlichten Gebrauchsgegenständen sind die Materialkosten oft höher als der Ladenpreis des fertigen Produkts. Der Sinn der Buchbindearbeiten ist demnach nicht in erster Linie im Ergebnis zu finden - obwohl es sich stets um Gebrauchsgegenstände handelt -, sondern in der Wirkung, die vom sachgemäßen Umgang mit dem Material ausgeht. Dabei werden die Schüler in ganz bestimmter Weise gefordert. (...)
Die Zukunft der Handarbeit - eine Herausforderung für die Lehrerbildung
Franziska Heitz Ostheimer
Im Lehrplan der Rudolf Steiner Schulen/Waldorfschulen steht der Handarbeitsunterricht an prominenter Stelle: Alle Schülerinnen und Schüler werden in diesem Fach in den ersten acht Schuljahren unterrichtet. In der Oberstufe ist das Fach erweitert und in verschiedene Kunsthandwerke differenziert. Zur manuellen Arbeit gehören zudem Werken und Gartenbau, die ab 5./6. Klasse unterrichtet werden. Ein feines Arbeiten mit den Händen wird auch beim Plastizieren und Malen ausgebildet.An staatlichen Schulen ist in diesem Bereich schon seit einigen Jahren ein rückläufiger Trend zu beobachten: Handarbeit ist für Mädchen und Jungen zugänglich, jedoch ist die textile Arbeit als solche nicht mehr existent. Sie ist im allgemeinen Fach "Werken" untergetaucht, in dem Basteln mit Holz, Stoff, Papier usw., manchmal auch das Zeichnen, erteilt wird.Diese unterschiedliche Situation weckt die Frage: Ist der Lehrplan der Waldorfschule veraltet, rückständig, konservativ? (...)
Erziehungskunst - Ausgabe : Mai 2002
mit freundlicher Genehmigung
