Informatik - grundsätzliche Überlegung

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Computer in der Schule

Kurzgefasst über den norwegischer Lehrplan für Informatik/Computertechnik von Gottfried Straube

Im ersten Beitrag zum Thema über Computer wurde versucht den Computer als Zeitphänomen zu beschreiben. Es wurde versucht darzustellen, in welcher Weise der Computer mit menschlichen Nerven-Sinnesfunktionen zusammenhängt, und dass seine Ausbreitung etwas damit zu tun hat, wie der Mensch sich zur Fähigkeit des Denkens stellt. Will man den jungen Menschen in der Schule mit diesen Fragestellungen konfrontieren, muss der Computer betrachtet werden. Der Computer muss Unterrichtsobjekt werden. Für den Verfasser dieser Zeilen ist die Frage deshalb nicht: sollen wir in der Waldorfschule Computer einführen, sondern wie kann das am besten geschehen. Im folgenden wird also nicht zum „warum" Stellung genommen (das sollte aus dem ersten Beitrag hervorgehen), sondern es soll das Modell für den Computerunterricht an norwegischen Waldorfschulen beschrieben werden, welches seit 6 Jahren an einigen wenigen Schulen praktiziert wird.

Es wird immer wieder hervorgehoben, dass Computer nur Werkzeuge sind. Gewissermaßen gleichen sie Hämmern, Sägen oder Waschmaschinen, welche eigentlich nicht selber interessant sind, sondern nur was man damit machen kann, und was sie für unseren Alltag bedeuten. Dieser Standpunkt hört sich nüchtern, sachlich und abgeklärt an. Er ist auch sicher richtig, wenn wir den Computer als Aufgabenlöser im Berufsalltag betrachten. Wenn wir Referate, Serienbriefe zu schreiben haben, Budgets zu erstellen oder andere „Sklavenarbeiten“ zu verrichten haben, ist der Rechner nichts anderes als ein an und für sich uninteressantes Werkzeug für unsere Arbeit. Er soll einfach funktionieren - je weniger er unserer Arbeit im Wege steht, je weniger er sich bemerkbar macht, je unsichtbarer er gewissermassen ist, desto besser. Aber im Unterricht? In der Schule? Im öffentlichen, norwegischen Schulsystem wird immer wieder betont, wie wichtig es sei, den Kindern - je früher desto besser - das Werkzeug Computer nahe zu bringen. Der frühere Bildungsminister Gudmund Hernes formulierte es immer wieder selbst, und zwar z. B. so: «Der allergrößte Vorteil von Computern in der Schule ist, dass der Computer von den Schülern als Problemlöser eingesetzt werden kann wo es angemessen ist. Er kann benutzt werden, um Information zu suchen und zu finden, um Daten zwischen Bildungsinstitutionen auszutauschen, um Fragestellungen in den einzelnen Fächern zu lösen.» Für das Bildungswesen - jedenfalls in Norwegen - besteht also kein wesentlicher Unterschied zwischen dem beruflichen Computerbenutzer, der rasch und effektiv irgendwelche Routinearbeiten zu bewältigen hat, und dem Kind in der Lernphase, das in die Welt herein zuwachsen hat, was die Welt verstehen soll, was in der Welt arbeiten lernen will. Das Kind wird gewissermaßen betrachtet wie ein halbfertiger Erwachsener, der nur noch das Werkzeug beherrschen zu lernen hat. Und weil das Werkzeug an sich nicht interessant ist (man hat Spezialisten, die sich um das Funktionieren dieses Werkzeuges kümmern?), findet man den Computer in der Schule eben nur als Lernmaschine: fast alle Programme, die in der Schule benutzt werden sind Programme zum Einlernen von Vokabeln, Rechtschreibung, physikalischen Gesetzen usw. oder sie dienen der Simulation von chemischen, physikalischen, sozialen oder anderen Verhältnissen. In den letzten Jahren seitdem die CD und das Internet zugänglich geworden sind, wird der Computer auch in verstärktem Ausmaße zur Informationsvermittlung eingesetzt. Informationsvermittlung Manchmal kann es aussehen, als wäre Information nicht gut genug, wenn sie nicht über das Internet kommt, wenn sie nicht multimedial von der CD kommt. Der Enthusiasmus über die Möglichkeiten, die durch die Computer gegeben sind, bringt Bücher und andere Informationsträger aus der Mode. Es besteht ja kein Zweifel, dass die neuen Technologien ihre vortrefflichen Seiten haben, aber muss Information immer so leichtverdaulich, bebildert und witzig sein, wie in den neuen Medien? Natürlich ist es im Prinzip nicht verkehrt, Informationen über Datennetze oder andere moderne Medien zu beziehen. Verkehrt ist nur das Überbewerten des Vermittlungsweges, der in diesen Tagen dazu führt, dass alle Schulen und Familien ganz, ganz schnell ins Internet müssen und die neuesten Maschinen kaufen müssen, «damit sie mit der Entwicklung mithalten können». Wir haben aber eigentlich keinen Informationsmangel. Eher im Gegenteil: wir sind von unendlichen Informationsmengen umgeben. Die Rolle der Schulen muss sein, den Umgang mit der Informationsflut zu lernen, Fakten beurteilen zu üben. Was macht uns eigentlich fähig, Zahlen, Tatsachen und anderes zu bewerten? Können wir das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden? Wird in der Schule geübt, Ideen und Gedanken wahrzunehmen? Legt man Wert auf die nötige Allgemeinbildung, um Inhalt aus dem Informationsrauschen herausfischen zu können, um Dinge in richtige Relationen setzen zu können? Die Mission des betrachtenden Unterrichtes2 ist, das Gespräch in der Klasse zu pflegen. Dazu muss der Lehrer selbst einen philosophischen Winkel zu seinem Fach haben. In dem Maße wie das Verstehen-Wollen und das Gedanken-Haben in den Vordergrund tritt, verliert die Frage nach der Informationsmenge und natürlich noch mehr die Frage danach, wie die Information zu uns gelangt, an Wichtigkeit. Computer sollen bei Kindern nach neuesten schulpolitischen Maximen auch das Interesse am Fach und die Freude beim Lernen wecken. In Annoncen und Fachblättern kann man z. B. lesen, dass mit einem bestimmten Computerprogramm das Meistern mathematischer Aufgaben nun «spielend leicht geht». Mit diesem Programm kann der Lehrer den Unterricht «ebenso spannend gestalten wie Invaders From Mars», und zwar weil der Schüler mit dem Programm «ohne Hilfe des Lehrers ausprobieren kann, bis er die Lösungen mathematischer Aufgaben selber findet». In einer anderen Annonce wird hervorgehoben, daß ein Programm «den Unterricht belebt». Hier sehen wir die Konturen einer anderen Lehrerrolle als der, die man in Waldorfschulen zu pflegen versucht. Aber was hat «ausprobieren» mit Mathematik zu tun? Kann man dadurch vielleicht die Klarheit in einem mathematischen Beweis erleben oder überhaupt viele Einsichten gewinnen? Ist das Unterrichten eine Art von Unterhaltung geworden? Und was bildet den Zweitklässler, wenn er lernt durch Klicken mit der Computermaus Bildchen und unverständliche Texte aus dem CD-Lexikon in eigenen Dokumenten zusammenzustellen, wie ein Repräsentant einer norwegischen Lehrerorganisation ganz begeistert seinem Publikum auf einem großangelegten Seminar im Herbst 95 vorschlug? Ist es klug, alles, was man machen kann, auch zu tun? Das verwechseln von inhaltlichem Verstehen und sammeln von Information, und besonders das unterhaltsame Informieren, ist die eine große Täuschung, welche die Computermode in die Schulen getragen hat. Simulation Eine andere Täuschung ist die Simulation. Simulationsprogramme füllen die allermeisten Seiten der Programmkataloge der Lehrmittelanstalten. In der Regel ähneln sie Computerspielen - aber das Ziel ist nach ihren Schöpfern eben nicht unbedingt das Spielen, sondern das Lernen. Ein paar der groteskesten Beispiele seien hier genannt: im Simulationsprogramm AIDS kann der Schüler in die Diskothek gehen und dabei probieren, sich nicht vom AIDS-Virus anstecken zu lassen! In einem anderen wird auf dem Computer ein Warmluftballon gebastelt, worauf der Computer Tabellen über Flughöhe und ähnliches produziert und eine schöne Flugtour simuliert. Gelernt wird dabei Physik. Für norwegische Verhältnisse besonders amüsant ist das Programm «Gebirgswanderung», mit dem man im Gebirge Kartenlesen und den Umgang mit dem Kompass lernen kann?, im Stuhl sitzend, ganz ohne Blasen an den Füssen oder feuchte Socken zu bekommen. Natürlich hat die Computersimulation eine bedeutende Mission. Durch sie kann man Seiten der Wirklichkeit nachbilden, die zu gefährlich oder kostspielig sind persönlich kennen zulernen, oder Dinge die einfach zu lange dauern würden. Atombombentests sind ein Beispiel. Oder: was passiert, wenn ganze Galaxien kollidieren? Galaxien bestehen aus Milliarden von Sternen, jeder Stern hat ein Gravitationsverhältnis zu jedem anderen Stern, die Systeme rotieren durcheinander. Die Frage: Was passiert, wenn solche Systeme kollidieren, kann durch den Computer simuliert werden - wollten wir die Antwort aus der Beobachtung der Wirklichkeit gewinnen, müssten wir ein paar Millionen Jahre warten, und dazu haben wir eben keine Zeit. Aber die Wanderung in Norwegens Hochgebirge? Der Umgang mit dem Kompass? Der Warmluftballon? Jeder Physiklehrer hat wohl einmal mit einer 8.Klasse Warmluftballons aus Seidenpapier zusammengeklebt. Beim Versuch sie steigen zu lassen passiert es, dass einige abbrennen, andere steigen auf und schweben davon. Das ist eine Erfahrung die den Wirklichkeitssinn schärft, uns tüchtig macht. Ein Ballon, der aufsteigt, bei dem man die Kraft spürt, lässt physikalische Gesetzmäßigkeit mit dem ganzen Körper erleben. Man lernt mit Händen und Füßen. Diese Erfahrung wird praktisch wirksam auch auf anderen Gebieten des Lebens, sie sitzt im Leib für den Rest des Lebens. Diese Erfahrung geht uns was an. Man erlebt, dass Physik mehr bedeutet als ein paar Regeln in einem Buch, man erlebt, dass Physik funktioniert. Aber am wichtigsten: wirkliches Konfrontieren mit der Wirklichkeit formt die Urteilskraft des jungen Menschen, den Sinn für die Realität. Das kann man nicht von einer Simulation in 16 Farben auf einem Computerschirm behaupten, das bewirken nicht Kolonnen von Zahlen. Das volle, saftige Leben sollte noch mehr als heute üblich in die Schule hereingeholt werden. Die äußere Wirklichkeit gibt uns nämlich die Antwort, ob wir richtig gedacht haben, ob wir verstanden haben, ob wir beurteilen können. Die uns umgebende Wirklichkeit ist komplex, sie enthält viele Hindernisse und Überraschungen. Eine Simulation wird immer nach den bevorzugten Modellen unserer Zeit verlaufen, nach den Vereinfachungen des Programmierers, nach den Moden der Pädagogen. Eine Simulation erlebt man deshalb immer als platt und voraussehbar. Aber was am schlimmsten ist: sie hat keine Konsequenzen für den, der simuliert: Game over! Try again. Wirkliche Erfahrung korrigiert, formt, bildet. Praktische Erfahrung macht das Denken konsequent und realitätsnah. Aber Simulation? So genial die Simulation sein kann: für den heranwachsenden Menschen der sein Verhältnis zur Welt noch zu entwickeln hat, hat sie in der Regel wohl keinen anderen als bestenfalls einen Unterhaltungswert. Ist der Computer ein Werkzeug? Wenn Computer nicht als Werkzeuge zum Erforschen und Erfahren der Welt im Jugendalter geeignet sind, kann man die Frage stellen, wo beim Computer der Unterschied zum gewohnten Werkzeug zu finden ist. Eine Tatsache, die diesen Unterschied beleuchtet, kann man darin finden, daß ein Computer fasziniert und ängstigt. Wie zahlreiche Untersuchungen bestätigen, werden besonders Buben jüngeren Alters fasziniert; unbehaglich werden sie erlebt besonders von älteren Damen. Computer wecken starke Gefühle, sie werden häufig nicht als wertfrei erlebt - ganz im Gegensatz zu gewöhnlichem Werkzeug. Warum gibt es so viele Computerfreaks, aber sehr selten Waschmaschinen-Freaks? Die Antwort liegt darin, dass Informationstechnologie und Computer nicht anschaulich sind. Im Gegensatz zu gewöhnlicher Technik der traditionellen Art, sind sie kaum zu durchschauen. Die Funktionsweise eines Autos, eines Vergasers, eines Flugzeuges, ja relativ leicht sogar noch eines Radios oder eines Fernsehers kann man noch mit den Gedanken nachvollziehen. Dadurch entfällt die Mystik. Die Verkleinerung im Mikroprozessor, das unsichtbare Schalten der elektrischen Vorgänge, die Tatsache, dass Millionen von kaum messbaren Prozessen in Bruchteilen von Sekunden unsichtbar ablaufen und die unglaublichsten Resultate hervorzaubern, das verschleiert den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Es kann übermenschlich wirken, es kann an das Unerklärliche aus der lebenden Welt erinnern. Jedenfalls kann es - mit gutem Grund - einerseits begeistern und faszinieren, oder eben andererseits beängstigen. Selbstverständlich sind Computer genauso logisch und konsequent in ihrer Bauweise wie mechanische Schreibmaschinen, Lokomotiven oder ähnliches. Aber für den gewöhnlichen Benutzer ist das eben nicht erlebbar. Zwischen unserem Erlebnis und dem Durchschauen der Maschine ist eine Schwelle. Solange wir den Mikrocomputer nicht ebenso verstehen wie einen Photoapparat, solange wird er auch nicht ein gewöhnliches Werkzeug für uns sein können. Die Spannung zwischen Erlebnis und Verstehen erzeugt das Gefühl der Faszination oder der Angst. In einem Reisebericht wurde einmal beschrieben, dass Kassiererinnen in japanischen Supermärkten den mechanischen Kugelrahmen benutzt haben sollen um die Ergebnisse von elektronischen Kassen zu kontrollieren. Ob dieser Bericht wahr ist oder nicht, ist schwer zu wissen, er ist aber Ausdruck dafür, dass der Mensch den starken Drang hat, innerlich nachvollziehen zu können, was er tut. Wenn der Mensch sicher sein will und sich mit den Ergebnissen seiner Arbeit verbinden können soll, dann muss er den Prozessen seiner Arbeit innerlich folgen können. Das ist aber durch den mystischen Computer oft sehr viel schwieriger als bei einem gewöhnlichen Werkzeug, wie zum Beispiel mit dem Kugelrahmen. Wo Zusammenhänge für uns undurchschaubar sind, entsteht Faszination oder Angst. Für Pädagogen kann es deshalb nicht genug sein, den Computer als Werkzeug zu betrachten: es muss ein grundlegendes Verständnis des Computers vermittelt werden - genauso wie wir grundlegendes Verständnis vom Ottomotor haben sollten wenn wir den Führerschein machen. Die für den Computer charakteristische Verkleinerung im Mikroprozessor, das «Einpacken» in integrierte Schaltkreise, die Geschwindigkeit mit der alles im Computer geschieht werden rasant zunehmen. Aber ebenso wird unsere Abhängigkeit von dieser Technik größer werden. Die Integration von Schrift, Sprache, Bild, Telefon, Musik, Steuern und Messen wird weitergehen. Gleichzeitig wird der einzelne Benutzer sich in schwindendem Grad um Netzwerkeinstellungen zu kümmern haben, um Protokolle, Kompressionsalgorithmen, technische Standards, Fehlersuche oder das Eintippen von Kommandos oder anderen Dingen, die die Computertechnik sogar auch dem Fachmann heute oft so verwickelt erscheinen lassen. Wenn man heute nicht ein Grundverständnis des Computers vermittelt, wird die Verfremdung größer werden, die Schwelle zwischen Erlebnis und Verständnis, zwischen Fachmann und Benutzer, unüberwindlicher werden. Der Benutzer wird sich Experten, Technokraten, Spezialisten, multinationalen Betrieben oder gar Machteliten noch mehr ausgeliefert fühlen. Eine solche Art von «intelligenten Idioten» wie Espen Holm (norwegischer Verfasser über kritiklose Computerenthusiasten) sie nannte, möchten wir nicht aus unseren Waldorfschulen entlassen.


Gottfried Straube

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