Künstlerischer Frontalunterricht
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Als ich mich dafür entschieden hatte, mein zweites Blockpraktikum an einer Waldorfschule durchzuführen, geschah dies auch im Hinblick darauf, eine andere Schulform mit anderen Unterrichtsmethoden kennenzulernen.
Ich musste aber erkennen, dass auch in der Waldorfpädagogik der Frontalunterricht eine dominierende Stellung in der Unterrichtsgestaltung einnahm und die Sitzordnung der der staatlichen Schulen entspricht. Doch in meinen Hospitationen bemerkte ich, dass sich der Frontalunterricht von dem der Gymnasien deutlich unterscheidet. Das führte mich zu der Überlegung, den Frontalunterricht genauer zu analysieren. Und ich kam zu dem Ergebnis, dass Frontalunterricht durchaus nicht so monoton und formenarm ist, wie ich bisher davon ausgegangen bin – im Gegenteil, er kann sehr vielgestaltig und abwechslungsreich sein.
Am Schluss meiner Betrachtung möchte ich auf das Besondere des Frontalunterrichts in der Waldorfpädagogik eingehen, denn es gibt durchaus einige wesentliche Unterschiede zum Gymnasium.
Frontalunterricht hat in der derzeitigen erziehungswissenschaftlichen Diskussion sowie in der didaktischen Ausbildung von Gymnasiallehrern deutlich an Ansehen verloren.
Folgende Punkte versuchen, einige Vorwürfe und damit Gründe für das negative Image im Vergleich zu anderen Sozialformen zusammenzutragen:
– Frontalunterricht dient hauptsächlich der reinen Wissensvermittlung und weniger der Aneignung sozialer Fähigkeiten.
– Die Schüler haben kaum Möglichkeiten, aktiv am Geschehen teilzunehmen und Unterrichtsinhalte mitzubestimmen.
– Frontalunterricht ist überwiegend thematisch orientiert und wird vorwiegend sprachlich vermittelt. Der Sprechanteil des Lehrers ist dabei stets höher als der der Schüler.
– Fähigkeiten und Fertigkeiten werden aufgrund des geringen Sprechanteils jedes einzelnen Schülers und durch mangelnde Selbständigkeit, Eigeninitiative und Kreativität kaum oder gar nicht gefördert.
Die Hauptursache in der negativen Darstellung des Frontalunterrichts sehe ich allerdings in der begrifflichen Unklarheit darüber, was wir unter Frontalunterricht überhaupt verstehen. Frontalunterricht gilt als Synonym für eine monotone Unterrichtsform, bei der das gelenkte Unterrichtsgespräch und selbständige Schülerarbeit dominieren - doch er ist weitaus mehr. Für die Gestaltung des Frontalunterrichts steht den LehrerInnen ein großes Repertoire an Methoden, Verfahren, Formen zur Verfügung. Von besonderer Bedeutung sind die 'methodischen Grundformen'. Je nach dem Grad der Anleitung der Schülertätigkeit lassen sich innerhalb des Frontalunterrichts grob drei methodische Grundformen unterscheiden:
· Methoden der Darbietung
· Methoden der Erarbeitung durch gelenkte Unterrichtsgespräche
· Methoden der Anleitung einer relativ selbständigen Arbeit der Schüler.
Methoden der Darbietung:
Zu ihnen gehören das Vortragen, Vormachen, Vorführen, Vorzeigen, Vorlesen. Elisabeth FUHRMANN (1990) unterscheidet vier Typen des Lehrervortrags:
· die erläuternde Erklärung
· Erzählung, Bericht, Schilderung, Erörterung,
· der Problemaufriss
· die Instruktion.
Jeder Typ des Lehrervortrags erfordert eine andersartige Gestaltung. Während z.B. die Erzählung nach einer bildhaften Sprache, Vielfalt im Ausdruck, Vermeidung von Eintönigkeit bei der Wortwahl verlangt, der Satzbau im allgemeinen so gewählt werden sollte, dass er Spannung bei den Hörern erzeugt, gelten für die erläuternde Erklärung andere Erfordernisse: Die Sprache muss zum besseren Verständnis des Sachverhalts einfach, sachlich, klar sein. Der Problemaufriss ist ein Typ des Lehrervortrags, der speziell das Entwickeln eines Problemsachverhalts und das Entstehen einer Problemsituation für die Schüler zum Ziele hat. Problemheftigkeit kann z.B. erreicht werden durch das Bewusst machen von Widersprüchen, das Aufwerfen offener Fragen, das Beschreiben fiktiver oder echter Problemsituationen, das Gegenüberstellen interessanter Fakten, unterschiedlicher Denkansätze, Lösungswege oder das Infragestellen von Alltagserfahrungen.
Methoden der Erarbeitung durch gelenkte Unterrichtsgespräche
- Das Katechisieren -
Es ist gekennzeichnet durch einen ständigen Wechsel von Lehrerfrage und Schülerantwort. Es ist im Grunde genommen ein Abfragen und kein eigentliches Gespräch. Es hat aber durchaus seine Berechtigung bei täglichen Übungen, mündlichen Kontrollfragen oder der Sicherung des Ausgangsniveaus.
- Das entwickelnde, problemhafte, heuristische Unterrichtsgespräch -
Es dient vor allem der gemeinsamen Erarbeitung neuer Erkenntnisse. Die Schüler sollen mit Hilfe des Lehrenden, aber weitgehend selbst Gesetzmäßigkeiten entdecken, Lösungswege finden und Schlussfolgerungen ableiten - vor allem dadurch, dass das Denken durch ein heuristisches Gespräch auf bestimmte Zusammenhänge gelenkt wird.
- Die Diskussion -
Zeitweise können Unterrichtsgespräche den Charakter von Diskussionen und damit kooperativen Arbeitsformen im Frontalunterricht annehmen. Diskussionen treten z.B. bei Auseinandersetzungen mit aktuellen Problemen auf. In der Regel wird die Gesprächsleitung in den Händen der Lehrperson liegen. Nach und nach können jedoch auch die Lernenden dazu geführt werden, Gespräche zu leiten. Das setzt jedoch die Vermittlung entsprechender Methodenkompetenz bei den Lernenden voraus.
Selbständige Schülerarbeit
Die Grundform selbständige Schülerarbeit kommt im Frontalunterricht meist in Form von Stillarbeit vor. Der Wert einer solchen Stillarbeit ist durchaus hoch einzuschätzen, da das selbständige Lösen von Aufgaben oder Problemen, aber auch die Arbeit mit dem Lehrbuch wichtig ist für die Entwicklung der Selbständigkeit der Schüler. Doch selbständige Schülerarbeit ist nicht nur auf Stillarbeit zu beschränken. Dazu gehören ebenfalls der Schülervortrag, Partnerlernen und die Gruppenarbeit. Selbständige Schülerarbeit kann mit unterschiedlichster Zielstellung eingesetzt werden, z.B. mit dem Ziel, bestimmte Quellen zu erschließen, Material aufzubereiten, die Lernenden zum selbständigen Gewinn neuer Erkenntnisse zu führen, sie tiefer in bereits erarbeitete Zusammenhänge eindringen zu lassen, bestimmtes Wissen oder Können zu festigen, es anzuwenden und zu systematisieren, Bekanntes in neue
Zusammenhänge einzuordnen, selbständig ein Problem zu erkennen und es zu lösen etc.
Frontalunterricht ist also alles andere als formenarm, sondern dem Lehrer steht ein großes Angebot an verschiedenen methodischen Grundformen zur Verfügung:
Methodische Grundformen des Frontalunterrichts
Methoden der Darbietung
(Vortragen, Vormachen,Vorzeigen, Vorführen, Vorlesen,..)
Arten des Lehrervortrags:
· informierender Einstieg
· Instruktion, Arbeitsanweisung
· Beschreibung
· erläuternde Erklärung
· Erzählung
· Bericht
· Schilderung, Erörterung
· Problemaufriss
· ...
Unterrichtsgespräche
(Arbeit am Stoff bei ständiger Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern)
Arten des Unterrichtsgesprächs:
· Katechisieren, Abfragen
· Entwickelndes,erarbeitendesUnterrichtsgespräch
· Unterrichtsdiskussion
· ...
Selbständige Schülerarbeit
(als individuelle oder ooperative Arbeit)Arten der selbst. Schülerarbeit:
· Individuelle Schülerarbeit aller Schüler (frontal)
· Individuelle Arbeit einzelner Schüler
· Schülervortrag
· Partnerlernen
· Gruppenarbeit
· ...
Nach E. FUHRMANN (Seminarmitschriften)
Der Grund, warum Frontalunterricht so negativ bewertet wird, ist wahrscheinlich die Tatsache, dass an Gymnasien bestimmte Formen der Unterrichtsgestaltung einseitig dominieren. Das sind bei den Methoden der Darbietung vor allem die erläuternde Erklärung sowie Instruktion/Arbeitsanweisung. Bei Unterrichtsgesprächen überwiegt das Abfragen und das gelenkte Unterrichtsgespräch, bei dem die Schüler durch gezielte Fragen zu dem gelenkt werden, was der Lehrer hören will. Diese Form des
Unterrichtsgesprächs hat meiner Meinung nach wenig mit selbständiger Erkenntnisgewinnung und Problemlösen zu tun, wird größtenteils den Anforderungen guter Fragestellungen nicht gerecht (vielmehr werden oft kurz formulierte Fragen verwendet, die den Schülern die Antworten bereits in den Mund legen) und lässt den Schülern zu wenig Zeit zum Nachdenken. Bei den verschiedenen Formen der
selbständigen Schülerarbeit werden in Gymnasien meiner Erfahrung nach alle Formen verwendet.
Frontalunterricht an Waldorfschulen
Der Frontalunterricht an Waldorfschulen unterscheidet sich von dem an Gymnasien einmal durch die Betonung anderer Formen innerhalb der methodischen Grundformen, dann durch starke Schülerzentriertheit und die künstlerische Gestaltung des Unterrichts und schließlich durch einen anderen Stundenaufbau.
1. In der Waldorfpädagogik nehmen Beschreibung, Erzählung, Bericht und Schilderung als Methoden der Darbietung einen großen Stellenwert ein. Diese Arten des Lehrervortrags sind dabei stets fächerübergreifend und dienen so der Erfassung von Zusammenhängen. Lehrervorträge in Form von erläuternden Erklärungen und Schilderungen werden sehr häufig durch Schülerfragen initiiert.
Es ist ein wichtiger Grundsatz der Waldorfpädagogik, Schülerfragen sofort zu beantworten. Dies setzt einmal ein enormes Wissen des Lehrers voraus (natürlichauch fächerübergreifend) und motiviert andererseits die Schüler, alles zu hinterfragen und nicht alles ‚hinzunehmen’. Hinzu kommt noch die Form des Diktats – wichtig zum einen hinsichtlich der Gestaltung der Epochenhefte und zum anderen zur Schaffung von Konzentrationsphasen im Unterrichtsaufbau.
Auch bei den entwickelnden und erarbeitenden Unterrichtsgesprächen stehen die Schüler im Mittelpunkt, denn sie sollen lernen, Probleme selbständig zu lösen und Zusammenhänge herzustellen. Der Lehrer ist deshalb auch bereit, die Schüler nicht in der Art lenken zu wollen, dass das Ergebnis seine Formulierung eines Sachverhaltes ist. Da auch die Klassenstruktur geöffnet wird und die Schüler von sich aus Stellung zu den Meinungsäußerungen der Mitschüler nehmen, entwickeln sich solche Unterrichtsgespräche oft zu Unterrichtsdiskussionen.
2. Waldorfpädagogik ist in erster Linie auch Erziehung zum künstlerischen Gestalten. Zeichnungen, Plastiken und andere Handwerksarten, die Gestaltung mit Farben und Formen sind unmittelbarer Ausdruck des seelischen Zustands des Kindes. In ihnen verarbeitet das Kind seine wahrgenommenen Umwelteinflüsse.Eine Grunderkenntnis der Waldorfpädagogik ist, dass (neben dem Sport- und Eurythmieunterricht) durch Plastizieren, Tischlern, Schnitzen, Metallarbeiten, Schmieden, Steinmetzen, Stricken, Häkeln, Sticken, Schneidern, Filzen, Flechten, Weben, Spinnen, Malen, Zeichnen und Buchbinden die unterschiedlichsten Bewegungsintelligenzen ausgebildet werden. Die Förderung der künstlerischen Beweglichkeit des Körpers bildet die beste Grundlage für die Entwicklung geistiger
Beweglichkeit.
Im Fachunterricht dienen Zeichnungen außerdem dem Bewusstmachen von Größenordnungen, Details und Blatteinteilung. Indem die Schüler eine Abbildung abzeichnen, verinnerlichen sie die Zeichnung und strukturieren das Wissen individuell während des Zeichnens um. Zeichnungen werden deshalb Kopien
vorgezogen. Daraus ergibt sich aber auch ein hoher Anspruch an das Tafelbild, wo die
Zeichnungen sorgfältig entwickelt werden müssen.
3. Zu den Anwendungen und Durchführungen der methodischen Grundformen sowie der künstlerischen Gestaltung des Unterrichts kommt ein grundlegender Unterschied in der methodischen Gestaltung einer Unterrichtsstunde an Waldorfschulen hinzu: Während eine Geographiestunde am Gymnasium als
geschlossene Einheit betrachtet wird, in der es eine Gesamtzielorientierung und eine Gesamtzusammenfassung gibt, wird der Schluss einer Unterrichtsstunde an Waldorfschulen geöffnet. In der Waldorfpädagogik heißt es dazu: "In einer guten Unterrichtsstunde des Hauptunterrichts wird ein Waldorflehrer nicht alles bis zu Ende erklären, sondern bewusst wichtige Fragen offen lassen. In
einer gesund durchschlafenen Nacht kann eine Frage im Unterbewussten geistig aufkeimen, so dass sie am nächsten Tag mit einem ganz anderen Tiefgang von den Schülern aus behandelt werden kann. Daran kann wiederum der Lehrer nur aus Geistesgegenwart mit seinem Unterricht anknüpfen, wobei er bereit sein muss, eventuell seinen vorbereiteten Stoff über Bord zu werfen. Dann ist aus der 'Belehrungsanstalt Schule' eine lebendige Lernwerkstatt geworden, die das Geistige des Menschen aus der Nacht bewusst in den Lernprozess mit einbezieht.'" Wird Problemorientierung an Gymnasien überwiegend als Unterrichtseinstieg oder in heuristischen Unterrichtsgesprächen angewendet, dient sie an Waldorfschulen
am Schluss einer Unterrichtsstunde der Öffnung und Einbeziehung in das alltägliche Leben sowie als ‚roter Faden’ für die nächste Stunde. Zusammenfassend möchte ich sagen, dass den Lehrern im Frontalunterricht vielfältige Anwendungsformen zur Verfügung stehen, um Unterricht abwechslungsreich
zu gestalten. Frontalunterricht birgt viele Möglichkeiten für die Aktivierung der Lernenden, die Förderung ihrer Selbständigkeit, die Motivation, die Einflussnahme auf die sozialen Beziehungen in der Klasse, die Einbeziehung von Schülererfahrungen und die Verbindung von ‚Kopf, Herz und Hand’ im Lernprozess.
Lehrer sollten sich über die Vielfalt der methodischen Formen bewusst sein und ihren Unterricht mit anderen Sozialformen wie Gruppenunterricht und Projektarbeit verbinden. Dafür bietet die Waldorfpädagogik schöne Vorbilder, die man teilweise in die Gestaltung des gymnasialen Unterrichts integrieren sollte.
aus: Michael Reichmayr: Bericht, Blockpraktikum Lima (2001) Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg
Fachbereich Geowissenschaften Didaktik der Geographie
