Physik in der Mittelstufe
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Übergeordnete Aspekte und allgemeine Unterrichtsziele für den naturwissenschaftli-chen Unterricht (Physik / Chemie) in der Mittelstufe
Anliegen des naturwissenschaftlichen Unterrichts muss es sein, den menschlich relevanten Kern der Naturwissenschaften zu greifen, nicht nur bildhaft oder emotional auszuschmücken. Das bedeutet aber, die Wahrnehmung für wesenhafte Gebärden der Natur zu entwickeln. Wohl beginnt der naturwissenschaftliche Unterricht in der Zeit, in welcher sich das Kind die Fähigkeit zur kausalen Weltbetrachtung erwirbt, und er muss der Erprobung dieser Denkkräfte dienen, doch kann dies so geschehen, dass ein qualitatives Denken entwickelt wird, das den Wechselbezug Mensch - Welt stets berücksichtigt.
Durch die Beschränkung der Naturwissenschaft auf Maß, Zahl und Gewicht (Galilei), d. h. auf das rein Quantitative, ist die Frage nach dem Wesen der Naturdinge verlorengegangen. Im Laufe der beginnenden Neuzeit begann der Mensch nach der Beherrschbarkeit der Natur zu fragen, um schließlich in dieser Beherrschbarkeit das Wesentliche zu sehen. Damit hängt auch die Entwicklung der Kausal- und Modellvorstellungen zusammen, denn nur dann verfüge ich über die Naturerscheinungen absolut, wenn ich sie kausal erklären kann. Ist das zunächst nicht möglich, mache ich sie erklärbar. Das ausgeprägte Hineinprojizieren von quantitativen und teilchenartigen Modellen in die Natur wird von den Schülern als gegenständliche Realität genommen. Aus dieser Erfahrung wurde z. B. vom Hessischen Institut für Bildungsplanung 12977 warnend formuliert:
"Um so wichtiger ist es, Modelle zu verwenden, die für den Anfangsunterricht nicht zu perfekt sind. Es muss elementare Erscheinungen geben, die mit dem verwendeten Modell nicht erklärt werden können. Nur so gewinnen die Schüler allmählich Einsicht in die prinzipielle Unzulänglichkeit von Modellen“ (Materialien zum Unterricht, Frankfurt 1977). Pädagogisch wertvoller sind aber die folgenden Grundsätze:
Es sollen an die Stelle nicht miterlebbarer Modellzusammenhänge erlebbare, nachfühlbare Gedankengänge rücken, welche an die vollen Wahrnehmungsqualitäten anknüpfen (Grundsatz 1).
Emotionale Beziehungen zu den Phänomenen müssen also beim Kind zunächst aufleben. Dann aber gilt es, sich durch das vertiefende Erleben vom Subjektiven zu befreien, um die gewonnenen Qualitäten in die kognitive Verarbeitung aufnehmen zu können (Grundsatz 2).
So nimmt der naturwissenschaftliche Unterricht an der Waldorfschule seinen Ausgang von den Sinnesqualitäten, ja er ist demgemäss zunächst als ein extrem "sinnlicher“ zu bezeichnen. Dabei spielt auch ein hygienisch-pädagogischer Aspekt eine wesentliche Rolle: Die frische Freude am Wahrgenommenen ist für die Schüler im Alter zwischen 12 und 14 Jahren heilsam, kann doch dadurch das möglicherweise allzu starke In-sich-Hineinbrüten aufgelichtet werden (Grundsatz3).
Die phänomenologische Weltbetrachtung, das schöpferische Gestalten gedanklicher Zusammenhänge an den Naturerscheinungen, verlangt aber noch mehr. Es soll ja nicht nur einem pädagogisch redlichen Streben nach "humaner Wissensbereicherung“ genüge getan werden. Vielmehr geht es um eine erkenntnistheoretische Auseinandersetzung mit den Grundideen einer von den Phänomenen ausgehenden Wissenschaftsgestaltung.
Die aktive Teilhabe des individuellen Menschen an der Welt kennzeichnet die Erkenntnistheorie Rudolf Steiners. In den dafür in Betracht kommenden grundlegenden Werken "Wahrheit und Wissenschaft/Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“ und "Philosophie der Freiheit“ entwickelt Rudolf Steiner das Zusammenspiel von sinnlicher Wahrnehmung und Denken: "Unsere totale Wesenheit funktioniert in der Weise, dass ihr bei jedem Dinge der Wirklichkeit von zwei Seiten her die Elemente zufließen, die für die Sache in Betracht kommen: von Seiten des Wahrnehmens und des Denkens.“ (R. Steiner, TB 81, S. 70)
Diesem Grundansatz sucht der naturwissenschaftliche Unterricht an der Waldorfschule gerecht zu werden (vergl. "Naturphänomene erlebend verstehen“, P. Buck / M. v. Mackensen, Köln 1990).
aus: "Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele“, Tobias Richter (Hrsg.)
Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen, Stuttgart 1995
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