Sozialpraktikum

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Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung

Die Schüler/innen absolvieren im zweiten Halbjahr der 11. Klasse ein (mindestens) vierwöchiges Praktikum in einer sozialen Einrichtung. Zu den möglichen Institutionen gehören: Krankenhäuser, Altenheime, Schulen für geistig und/oder körperlich behinderte Kinder, integrative Kindergärten oder -tagesstätten, Werkstätten für behinderte Erwachsene, Wohnheime für behinderte Erwachsene usw.

Welche Erfahrungen und Erkenntnisse der Schüler werden erkennbar?

Erwartungen

Die Jugendlichen sollen während des Sozialpraktikums Begegnungen und Erfahrungen mit Bereichen des Lebens und unserer Gesellschaft machen dürfen, die sie in ihrem täglichen Umfeld nicht selbstverständlich machen [können]. Sie sollen so Menschen kennen lernen, die Hilfe benötigen und sollen für diese ein Stück weit Verantwortung übernehmen. Es geht dabei um Zuneigung, Vertrauen und um die Bereitschaft, sich zu öffnen. Dadurch können die Schüler/innen ganz neue Seiten und Fähigkeiten an sich erkennen. Am Ende steht vielleicht die Erkenntnis, dass auch der Hilfsbedürftige ihnen geholfen hat, denn in der Auseinandersetzung mit Hilfebedürftigkeit und Krankheit wird ein Prozess des Nachdenkens über Werte des Menschseins angeregt.


Die Besonderheit des Sozialen

Im sozialen Bereich geht es darum, die Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen und in einen Handlungsimpuls umzusetzen. Die Jugendlichen erleben, dass soziale Arbeit nur unter dieser Voraussetzung gelingen kann. Ihre eigenen Bedürfnisse, Vorlieben und Abneigungen müssen die Schüler/innen in den Hintergrund stellen lernen. In der Begegnung mit den in den verschiedenen sozialen Institutionen betreuten Menschen können sie erfahren, was es bedeutet, praktische Hilfe zu leisten, die Schwächeren (kranken, alten, behinderten, süchtigen Menschen) das Menschsein erleichtert oder sie in ihrer Entwicklung fördert. Im Sinne einer Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung können die Jugendlichen einerseits Berührungsängste abbauen und gleichzeitig eine Wertschätzung sowohl gegenüber den in der Einrichtung betreuten, als auch gegenüber den dort arbeitenden Menschen entwickeln. Gut Kinderhaus Großbildansicht.

Die Betreuung

Eine Betreuung der Jugendlichen durch den Lehrer sowie durch mindestens eine Ansprechperson innerhalb der gewählten Einrichtung gewährleisten, dass die Schüler/innen die gemachten Erfahrungen besprechen können. Diese Erfahrungen werden außerdem in einem Berichtsheft dokumentiert und reflektiert. Wo befinden sich die Jugendlichen in diesem Alter? Ob bewusst ausgesprochen oder unmittelbar erlebt, stehen vor den jungen Menschen Fragen wie: Wer bin ich? Wie finde ich Zugang zum anderen Menschen? Während in den ersten beiden Jahrsiebten die sozialen Zusammenhänge von Familie, Klasse und Gruppe eigentlich nicht unbedingt bewusst geworden sind, denn sie sind oft selbstverständliche Gegebenheiten, die einfach erlebt werden, da die Reflektion erst allmählich beginnt, wird mit dem Eintritt ins Jugendalter vieles anders: Die Spaltung zwischen Individuum und Welt zeigt sich plötzlich ganz deutlich. Bisher Selbstverständliches wird zum Problem, der Jugendliche erahnt die Möglichkeiten des eigenen Wesens und verspürt gleichzeitig seine eigenen Unzulänglichkeiten und seine Begrenztheit. Außerdem fühlt er sich allen sozialen Zusammenhängen gegenüber fremd und vereinsamt. Aus diesem Gefühlschaos herauszufinden, die eigenen, selbst gewählten Beziehungen einzugehen und zu sich selbst in ein tragfähiges Verhältnis zu kommen, das wird nun zu einer Aufgabe. Zu erspüren, dass dabei sehr viel vom eigenen Willenseinsatz abhängt, das ist der Gewinn, bei dessen Erzielung dass Sozialpraktikum eine sinnvolle Entwicklungshilfe leisten kann. In der 11. Klasse kommen also neue Eigenschaften zum Vorschein: Eine ganz neue Art der Zurückhaltung sowie das Bedürfnis, sich zurückzuziehen. Herzenskräfte sowie das Gefühlsleben im Allgemeinen nehmen einen besonderen, innigen, sehr zarten Charakter an. Es kommt zu Fragen über den Sinn des Daseins, das Wesen der Liebe, über die Werte, für die wir leben. Es ist also eine Zeit des Einblicks. Grundlegend ist deshalb, dass es sich um ein Praktikum zur persönlichen Reifung und nicht zur beruflichen Orientierung handelt.

Welche Erfahrungen und Erkenntnisse der Schüler werden erkennbar?

In den schriftlichen und mündlichen Praktikumsberichten der Schüler/innen wurde in den vergangenen Jahren immer wieder deutlich, dass durch das Praktikum oft eine tiefe und sehr persönliche Bereicherung wahrgenommen werden kann. Zum Beispiel wandelt sich das anfängliche Erschrecken bei der Kommunikation mit Behinderten und die Unsicherheit im eigenen Verhalten zum Entdecken des Du und der dahinter stehenden Individualität. Pauschale Urteile in Bezug auf fremdes menschliches Verhalten verfeinern sich zugunsten differenzierter Beobachtung. Die jungen Menschen verlernen das Starren auf die Symptome oder Verhaltensweisen eines Behinderten, eines Alten oder eines Kranken und finden hin zur wirklichen Begegnung eines Mitmenschen. Dabei liegen die Erlebnisse zum Teil in Bereichen, die als Grenzerfahrungen beschreibbar sind, deutliche Spuren hinterlassen und unerwartete Impulse setzen. Nicht selten sind die Sozialpraktika auch der Auslöser für Entscheidungen oder Neuorientierungen hinsichtlich der Berufswahl.

Aus den Rückblicken der Schüler/innen

Um den vielfältigen Gewinn der Schüler/innen ein wenig fassbar werden zu lassen , sollen im Folgenden Schlussbetrachtungen aus den Berichtsheften einzelner Praktikanten einen Einblick in die Fülle der gewonnenen Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen bieten:

Mir hat das Praktikum wirklich sehr gut gefallen und ich wäre gerne noch länger geblieben. Anfangs stand ich dem Projekt etwas skeptisch gegenüber und hielt es nicht für besonders notwendig, ein vierwöchiges Praktikum in einer sozialen Einrichtung zu machen. Doch jetzt, nach dem Praktikum, hat sich meine Meinung geändert.

Im Verlauf des Praktikums konnte ich bereits sehr früh ausmachen, dass die Tätigkeiten eines Pflegers meine persönlichen Neigungen nicht treffen. Trotz der frühen Erkenntnis aber stellt die Arbeit eine Bereicherung für meine Einstellung und meine Lebenserfahrung mit/ gegenüber älteren, hilfsbedürftigen Menschen dar. Insbesondere über einen Platz in einer psychiatrischen Einrichtung bin ich mittlerweile sehr froh, da somit ein weiterer Erfahrungsfaktor hinzukommt, der den generellen Umgang mit geistig behinderten Menschen betrifft.

Der Umgang mit schwerstkranken kleinen Kindern war nicht immer einfach für mich. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich mit schweren Krankheiten und menschlichem Leid konfrontiert worden. Dieses zu verkraften und physisch zu verarbeiten war für mich besonders zu Anfang sehr schwer. Besonders beeindruckt haben mich „meine kleinen Patienten", wie sie selber gelernt haben, mit ihren Krankheiten umzugehen und zu leben.

Mein Berufswunsch, etwas mit Menschen zu machen und Menschen helfen zu wollen, hat sich in dieser Zeit verstärkt. Teilweise musste ich mich aber schon ermahnen, nicht die Geduld zu verlieren, denn das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, die man zur Arbeit mit den Kindern mitbringen sollte.

Ungefähr anderthalb Wochen nach dem Ende des Praktikums besuchte ich noch einmal die Einrichtung. Ich bemerkte bald, dass ich unbewusst erwartet hatte, zumindest einige der Bewohner würden meine Anwesenheit besonders bemerken. Doch bis auf eine Ausnahme schienen sich die Bewohner entweder gar nicht mehr an mich zu erinnern oder hatten offensichtlich gar nicht bemerkt, dass ich seit mehr als einer Woche nicht mehr anwesend gewesen war.

Mir hat es Freude bereitet, mit den Kindern und Erzieherinnen zu arbeiten. Ich würde jedem ein solches Praktikum weiter empfehlen, auch wenn kein Interesse an einem derartigen Beruf besteht. Die Erfahrung, mit Menschen so eng zusammen zu arbeiten, ist einmalig und ich finde, dass jeder das Recht haben sollte, dieses Gefühl einmal zu erleben.

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