Temperamentenlehre

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EINTEILUNG DER TEMPERAMENTE

Steiner übernimmt die übliche Unterscheidung in sanguinisches, melancholisches, phlegmatisches und cholerisches Temperament. Er setzt das jeweilige Temperament mit der Gesamtwesenheit des Menschen in Beziehung. Je nachdem, welches der vier Wesensglieder dominiert, entsteht das Erscheinungsbild eines der vier Temperamente. Herrscht der physische Leib vor, hat das Kind ein phlegmatisches Temperament. Beim sanguinischen Kind überwiegt der Ätherleib. Das cholerische Kind wird vom Astralleib beherrscht und bedrängt. Ist der Bewusstseinspol dominant, und das Ich schon sehr stark entwickelt, sehen wir ein Kind mit einem melancholischen Temperament.

Eine andere Möglichkeit, die Temperamente einzuteilen, sieht Steiner in den seelischen Eigenschaften Erregbarkeit und Stärke. Beim Phlegmatiker sind Starke und Erregbarkeit am geringsten, beim Choleriker, der ihm diametral gegenübersteht, am größten. Ebenso sind Melancholiker und Sanguiniker polar entgegengesetzt. Der Melancholiker zeigt viel Stärke, aber wenig Erregbarkeit, der Sanguiniker wenig Stärke und viel Erregbarkeit. Das Temperament eines Kindes spiegelt sich, meint Steiner, auch im Körperbau wider. "Die melancholischen Kinder sind in der Regel schlank und dünn; die sanguinischen sind die normalsten; die, welche die Schultern mehr heraus haben, sind die phlegmatischen Kinder; die den untersetzten Bau haben, so dass der Kopf beinah untersinkt im Körper, sind die cholerischen Kinder".



DIE BEHANDLUNG DER TEMPERAMENTE

Um dem Temperament eines Kindes beizukommen, ist es nicht sinnvoll, die entgegen gesetzten Eigenschaften zu pflegen. Vielmehr" meint Steiner, müsse man dem Hang des Kindes entgegenkommen und auf das kindliche Temperament eingehen. So könne der junge Mensch seine überwiegende Anlage mit den anderen Temperamenten harmonisieren.

Das sanguinische Kind interessiert sich nur kurz für alles mögliche und wendet seine Aufmerksamkeit gleich wieder anderen Dingen zu. Es eilt von einem Eindruck zum anderen. Dem muss der Erzieher entgegenkommen, indem er dem Kind viele Eindrücke hintereinander bietet. Der Schüler reagiert darauf mit Antipathie gegen die rasch wechselnden Eindrücke und retardiert. Das melancholische Kind ist still, in sich gekehrt und wenig bewegt. Es ist innerlich beschäftigt, grübelt und brütet vor sich hin. Da ein Melancholiker durch äußere Eindrücke nur wenig ansprechbar ist, wäre es falsch, ihn mit seinem Gegenteil heilen zu wollen und ihm lebendige, lustige Vorstellungen zu vermitteln. Bietet jedoch der Lehrer durch sein Verhalten dem melancholischen Kind das an, was es selber ist, so erkennt es von aussen, was es in sich hat. Dadurch wird im Schüler das Gegenteil aufgerufen. Ein melancholisches Kind wird durch Melancholie geheilt. Das cholerische Kind setzt durch Toben seinen Willen durch. Es hat den zornigen, wütenden Säugling, der es einmal war, noch in sich. Ermahnungen, meint Steiner, nutzen nichts. Spielt aber der Lehrer dem Schüler sein cholerisches Toben vor, sieht das Kind, wie es selbst ist und wird sich beruhigen. Das phlegmatische Kind ist innerlich unbeschäftigt und in sich versunken. Es zeigt wenig Interesse für Eindrücke der Außenwelt. Was mit ihm geschieht, ist ihm gleichgültig. Versetzt sich der Lehrer in eine phlegmatische Stimmung, sieht das Kind das, was es in sich hat, neben sich und spurt, wie langweilig es ist.

Steiners Erkenntnisse finden ihren Niederschlag in der Sitzordnung der Waldorfschule. Der Lehrer prüft die Schüler seiner Klasse auf die vier Grundtypen hin und bildet vier Gruppen. Er setzt die Phlegmatiker zusammen, ebenso die Choleriker, die Melancholiker und die Sanguiniker. Die verschiedenen Temperamente schleifen sich aneinander ab und heilen sich gegenseitig. Beim Unterrichten ist es für den Lehrer von Bedeutung, sich, je nachdem was gerade geschieht, an eine bestimmte Temperamentgruppe zu wenden. Geht es z.B. darum, ein Urteil abzugeben, soll der Lehrer sich den Melancholikern zuwenden. Zeigt er etwas, was auf die Sinne wirken soll, spricht er die sanguinischen Kinder an. Durch die Zuwendung des Lehrers zu jeweils einer anderen Schülergruppe ergänzen sich die verschiedenen Temperamente. Die Kinder lernen voneinander. Was der einen Gruppe abgeht, wird durch die andere ersetzt.

lm Musikunterricht berücksichtigt der Waldorflehrer die Konkordanz von Temperament und Charakteristik der Instrumente. Die Auswahl, welches Instrument das Kind erlernen soll, geschieht aus pädagogischen Gründen und orientiert sich an seinem Temperament. Dem sanguinischen Kind entspricht wesensmassig ein Blasinstrument, dem Melancholiker ein Streichinstrument. Für den Choleriker eignet sich ein Schlaginstrument und dem Phlegmatiker wird ein Tasteninstrument empfohlen.

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