Waldorfschule

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Die Anthroposophische Architektur ist Grundlage vieler Waldorfschulbauten.
Die Anthroposophische Architektur ist Grundlage vieler Waldorfschulbauten.

Waldorfschulen (auch: Rudolf-Steiner-Schulen) sind Schulen, an denen nach der von Rudolf Steiner (1861–1925) begründeten Waldorfpädagogik unterrichtet wird. Die Waldorfpädagogik ist eine international verbreitete Reformpädagogik auf der Grundlage der ebenfalls von Steiner begründeten Anthroposophie. In Deutschland sind Waldorfschulen staatlich anerkannte Ersatzschulen in freier Trägerschaft. Neben den Waldorfschulen gibt es auch Waldorfkindergärten. Im Jahr 2008 wurde die Eröffnung der 1000. Waldorfschule weltweit gefeiert. Die meisten von ihnen befinden sich in Deutschland (212), gefolgt von den USA (124) und den Niederlanden (92).


Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Namensgeber der Waldorfschule war eine Stuttgarter Zigarettenfabrik
Namensgeber der Waldorfschule war eine Stuttgarter Zigarettenfabrik

Die Waldorfschule entstand in der Umbruchssituation nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland im Zusammenhang mit der ebenfalls aus der Anthroposophie heraus entwickelten Soziale Dreigliederung. Rudolf Steiner hatte bereits 1907 eine Schrift über die Erziehung des Kindes veröffentlicht, deren Gedanken aber zunächst wirkungslos verhallt waren.

Ausgangspunkt der am 7. September 1919 in vollzogenen Schulgründung war die Bitte Emil Molts, des Direktors der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, an Rudolf Steiner, eine Schule für die Kinder der bei ihm beschäftigten Arbeiter pädagogisch zu betreuen. Steiner übernahm die Ausbildung und Beratung des Lehrerkollegiums und hatte bis zu seinem Tod im Jahr 1925 zwar nicht formal, aber praktisch die Rolle eines Schulleiters inne. Die Astoria-Betriebsschule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe, Modell für alle späteren Waldorfschulen, unterrichtete von Anfang an koedukativ und war die erste Gesamtschule in Deutschland. Von der Zigarettenfabrik erhielt die pädagogische Bewegung ihren Namen.

In den folgenden Jahren wurden weitere Waldorfschulen in Deutschland und im Ausland gegründet. Während der Zeit des Nationalsozialismus, ungefähr ab 1937, stellten die deutschen Waldorfschulen, wie andere nichtstaatliche Schulen auch, durch Selbstauflösung oder Zwang ihren Lehrbetrieb ein. Buchlink: Anthroposophen in der Zeit des deutschen Faschismus Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es wieder zu Neugründungen, zunächst in überschaubarer Zahl, ab den 70er Jahren in größerem Umfang im In- und Ausland.

Anspruch und theoretische Fundierung

Spiritualismus und Ganzheitlichkeit

Die Waldorfpädagogik gründet sich auf das von Rudolf Steiner Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte "anthroposophische Menschenbild", einer Anthropologie, die auf den esoterisch-okkulten Grundlagen der von ihm begründeten anthroposophischen Weltanschauung beruht. Als in solcher Weise spiritualistisch geprägte Variante einer Pädagogik mit ganzheitlichem Anspruch besitzt sie eine Sonderstellung unter den reformpädagogischen Entwürfen des beginnenden 20. Jahrhunderts. Steiners esoterische Lehren und seine goetheanistische Wissenschaftsmethodik sollen zwar, so seine Forderung, nicht Lehrgegenstand der Waldorfschule sein, begründen aber ihre Methoden der Erziehung und des Unterrichts „Uns liegt nichts daran, unsere 'Dogmen', unsere Prinzipien, den Inhalt unserer Weltanschauung dem werdenden Menschen beizubringen.“ (aus "Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik." Buchlink) „Vor allem würde ich nie anthroposophische Schulen gründen, die Anthroposophen müssten die Methoden und die Organisation umgestalten, aber niemals Anthroposophie lehren. Als erste müssen wir die geistige Freiheit verstehen. Weltanschauungsschulen müssen wir am meisten vermeiden.“ Rudolf Steiner am 24.4.1919 in einer Vertreterversammlung des „Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus“, zitiert nach Stockmeyer, Buchlink: Angaben Rudolf Steiners für den Waldorfunterricht.

Zentral für das anthroposophische Weltbild ist die Annahme eines umfassenden Systems von Entsprechungen im Kosmos. So vereinige beispielsweise der Mikrokosmos Mensch den[Makrokosmos des Alls in sich. Der Geist des Menschen verkörpere sich in aufeinander folgenden Leben nach dem Gesetz von Reinkarnation und Karma. Die Erscheinungen der sinnlich wahrnehmbaren Welt gelten als Offenbarungen einer seelisch-geistigen Sphäre, welcher auch der Mensch, seinem innersten "Ich" nach, entstamme. Zu ihr könne er wiederum - während seines irdischen Lebens - vordringen, indem er in allen sinnlichen Erscheinungen das „Wesen“ suche.

Anthroposophie als Grundlage

Steiner will die Pädagogik zunächst nicht von gesellschaftlichen Normen und Notwendigkeiten her, sondern unmittelbar aus den Erfordernissen der kindlichen Entwicklung heraus bestimmen. Seine Auffassung dieser Erfordernisse ergibt sich allerdings aus seinen anthropologischen Hypothesen. Dies sind insbesondere die Lehren von der Drei- und Viergliederung des Menschen und die Temperamentenlehre.

Die Dreigliederung des Menschen in Geist, Seele und Leib und die Einteilung der Seelenfähigkeiten in Denken, Fühlen und Wollen zieht im pädagogischen Bereich die Forderung zur gleichberechtigten Schulung von "Kopf, Herz und Hand" nach sich.

Die Viergliederung des Menschen beschreibt neben dem physischen Körper drei weitere "Wesensglieder" des Menschen, die nur übersinnlich wahrnehmbar sein sollen. Der Ätherleib sei Träger der Wachstumskräfte, der Astralleib Träger des Seelenlebens und das Ich ein unsterblicher, geistiger Kern im Menschen. Jedes dieser Glieder verlasse zu einem bestimmten Zeitpunkt des Lebens eine übersinnliche Hülle, werde also "geboren", wie der physische Leib geboren wird, indem er die leibliche Hülle der Gebärmutter verlässt. Diese übersinnlichen Geburten erfolgten in Abständen von sieben Jahren, weshalb die anthroposophische Anthropologie die Entwicklung des Kindes in Jahrsiebte einteilt.

Für die Schulzeit, die ungefähr die Altersspanne von 7 bis 18 Jahren umfasst, sind das zweite und das dritte Jahrsiebt maßgeblich:

  • Die Geburt des Ätherleibes (Beginn des 2. Jahrsiebts) zeige sich, so Steiner, durch den Zahnwechsel. Nachdem das Kind bislang durch „Nachahmung und Vorbild" gelernt habe, lerne es nun durch „Nachfolge und Autorität“. Damit einher gehe eine verstärkte Ausbildung der seelischen Kräfte des Lernens, insbesondere der bildhaften Phantasie und des Gedächtnisses.
  • Die Pubertät markiere die Geburt des Astralleibes (Beginn des 3. Jahrsiebts). Nun gehe es um die Entfaltung der eigenen "Urteilskraft" und "den freien Verstand". Das kausale Denken in abstrakten Begriffen präge sich aus.

Für Waldorflehrer hält Steiner außerdem die Kenntnis der Temperamentenlehre in der von ihm entwickelten Fassung für unabdingbar. Sie teilt, wie ihre griechische Vorläuferin, die Menschen in vier Grundtypen – Sanguiniker, Phlegmatiker, Melancholiker und Choleriker – ein, wobei in der Regel Mischformen dieser Typen auftreten sollen.


Methodik-Didaktik

Grundlegende Prinzipien

Schulwerkstätten in Dortmund
Schulwerkstätten in Dortmund

Aus Steiners anthropologischer Auffassung von der Dreigliedrigkeit des Menschen ergibt sich das Prinzip der gleichberechtigten Förderung der intellektuell-kognitiven („Denken“), der künstlerisch-kreativen („Fühlen“) und der handwerlich-praktischen („Wollen“) Fähigkeiten der Schüler. Dies führt zu einem vergleichsweise großen Angebot an handwerklich-künstlerischen Fächern gegenüber den öffentlichen Schulen, deren Konzeption von Waldorfpädagogen zumeist als einseitig intellektuell-kognitiv kritisiert wird. Des weiteren soll aller Unterricht künstlerische Elemente enthalten. Die Erziehung selbst wird von Steiner zur "Erziehungskunst" Was darunter genau zu verstehen sei, ist Gegenstand verschiedener Erörterungen und Auseinandersetzungen. Buchlink: Johannes Kiersch: "Die Waldorfpädagogik" Um Natur- und Kulturerscheinungen nicht allein kausal - das heißt intellektuell-kognitiv - beschreiben zu müssen, wird insbesondere im naturwissenschaftlichen Unterricht auf Steiners goetheanistische Wissenschaftsmethodik zurückgegriffen. Sie will das Seelenleben des Forschers im umfassenden Sinn - z.B. durch Berücksichtigung seines künstlerischen Empfindens - in den Prozess des Erkennenes mit einbeziehen. In der Oberstufe tritt sie zumeist in Konkurrenz zur Methodik des allgemein etablierten Wissenschaftsbetriebs und dessen Stand der Forschung.

Das Prinzip der rhythmischen Gliederung oder Ritualisierung von Unterrichts-, Tages-, Wochen- und Jahresverlauf sowie die intensive Ausgestaltung des Lernumfeldes bis in eine spezifische Schulhausarchitektur (siehe Anthroposophische Architektur) hinein ergeben sich aus dem Anspruch ganzheitlich erziehen zu wollen. In diesem Zusammenhang stehen auch häufige Theateraufführungen, Konzerte, Schulfeste und Projektunterricht.

Haupt- und Fachunterricht

[[Bild:Anthroposophen-IMG 7071-Kopie.jpg|thumb|Merkmal der Schularchitektur sind vergleichsweise organisch anmutende Formen. Der Schultag an der Waldorfschule beginnt mit dem in der Regel fast zweistündigen Hauptunterricht. Er behandelt über mehrere Wochen hinweg dasselbe Fach aus dem Reigen der deutschsprachigen Hauptfächer (sogenannter Epochenunterricht). Der anschließende Fachunterricht am Vormittag und am Nachmittag beinhaltet den handwerklich-künstlerischen Unterricht (siehe Tischlern - Handwerken), Fremdsprachen (von der ersten Klasse an), Sport und Religion (siehe Religionsunterricht).

Der Hauptunterricht der ersten acht Schuljahre wird von einem Klassenlehrer übernommen, der als "richtunggebende Persönlichkeit (Buchlink: Der Klassenlehrer an der Waldorfschule fungieren soll, entsprechend des von Steiner für das zweite Lebensjahrsiebt geforderten Prinzips der "Nachfolge und Autorität". Seine Darstellungen sollen, im Dienste der Ausbildung des Gefühlslebens der Schüler, mehr bildhaft-charakterisierend als begrifflich-systematisierend ausfallen. In fachlicher Hinsicht ist er Generalist, nicht Spezialist. Der Fachunterricht hingegen wird vom Beginn der Schulzeit an durch einzelne Fachlehrer übernommen. Zu jeder Unterrichtsepoche führen die Schüler ein Epochenheft, welches zum Ende der Epoche dem Lehrer übergeben wird und unter anderem der Leistungsbeurteilung dient. Mancherorts wird diese klassische waldorfpädagogische Form der Heftführung heute durch Portfolios ergänzt.

Lehrbücher sind in der Waldorfpädagogik traditionell nicht vorgesehen und kommen darum selten zur Anwendung. Ebenso werden elektronische Medien während der ersten Schuljahre gar nicht oder nur zurückhaltend eingesetzt. Ursprung dieser Auffassung ist die behauptete Notwendigkeit einer starken und unmittelbaren Lehrer-Schüler-Beziehung im zweiten Lebensjahrsiebt, welche durch die Zwischenschaltung von Medien behindert würde. Darüber hinaus wird realen Sinneserlebnissen gegenüber virtuellen eine größere erzieherische und gesundheitliche Förderlichkeit zugesprochen.

In der Oberstufe übernehmen wechselnde Fachlehrer den Hauptunterricht. Die Person des Lehrers, der nun Spezialist sein muss, tritt gegenüber der Sache in den Hintergrund. Die Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsinhalt erfolgt in verstärktem Maße begrifflich-abstrakt.

Lehrplan

Im Innenraum dominieren Naturfarben
Im Innenraum dominieren Naturfarben

Der Lehrplan der Waldorfschulen will, seinem Anspruch nach, weniger von den sachlichen Erfordernissen des Unterrichtsstoffes als vom Entwicklungsstadium der Schüler her Inhalte und Methoden bestimmen. Ob Stoff und Methode als altersgemäß einzustufen sind, wird einerseits vermittels der anthroposophischen Menschenkunde beurteilt und steht andererseits in der freien Entscheidung des Lehrers, der zu jedem Zeitpunkt einzuschätzen hat, was seine Schüler in ihrer Entwicklung fördern könnte.

Darüber hinaus existieren eine Reihe schriftlich fixierter Lehrpläne, deren Ausführungen auf Aussagen Steiners sowie etablierte Traditionen zurückgehen. Sie haben lediglich orientierenden, nicht normativen Charakter.

Leistungsdifferenzierung und Leistungsbeurteilung

Grundsätzlich werden verschieden intellektuell, sozial, emotional und motorisch begabte Schüler innerhalb ein und derselben Klasse unterrichtet. Individuelle Förderung wird vorrangig mittels Binnendifferenzierung angestrebt, eine äußere Differenzierung in verschiedene Leistungsklassen findet frühestens in der Oberstufe statt. Durch das Beisammensein verschieden befähigter Menschen sollen soziale Lerneffekte ermöglicht werden. Ein "Sitzenbleiben" gibt es nicht. (mehr siehe Sitzen bleiben an Waldorfschulen? oder Zeugnisse - Sitzen bleiben ....?)

Schulnoten werden nicht vergeben, stattdessen wird im Schulzeugnis der individuelle Leistungsstand und Leistungsfortschritt schriftlich ausformuliert. Durch diese Praxis sollen Fortschritte und Leistungen gewürdigt werden, die durch die üblichen Schulnoten gar nicht oder nicht adäquat zum Ausdruck gebracht werden können. Auf Wunsch der Eltern oder Nachfrage der Schüler wird an manchen Schulen ab der neunten oder zehnten Klasse ein Ziffernzeugnis zusätzlich zum Textzeugnis ausgestellt. Ab der elften Klasse werden normalerweise Noten vergeben, um die Schüler "realistischer" auf das Abitur in der 13. Klasse vorzubereiten.

Organisatorische und rechtliche Hintergründe

Konstitution

Organische Formen auf dem Spielgelände
Organische Formen auf dem Spielgelände

Jede Waldorfschule ist eine autonome Organisation, welche durch kollegiale Selbstverwaltung, das heißt ohne eine Direktion im üblichen Sinne, geleitet wird. Pädagogische und organisatorische Entscheidungen trifft die wöchentliche Lehrerkonferenz. Spezielle Arbeitsfelder werden an kleinere Personengruppen innerhalb des Kollegiums delegiert (z.B. Baukreis, Finanzkreis oder Festkreis). Daneben gibt es eine wirtschaftlich verantwortliche Geschäftsführung. Schulträger ist zumeist ein Verein, dessen Mitglieder Eltern und Lehrer sein können.

Die Waldorfschulen sind in Deutschland im Bund der Freien Waldorfschulen e.V. organisiert, der sich als föderativer Zusammenschluss begreift und in die Autonomie der einzelnen Schulen praktisch nicht eingreift. Als Markenrechtsinhaber hat er aber Einfluss auf die Verwendung des "Waldorf"-Namens und kann sie gegebenenfalls untersagen. (siehe z.B. Waldorfschule und Rassismus) Neugründungen werden nicht von zentraler Stelle aus geplant, sondern basieren auf privaten Initiativen von Eltern oder Erziehern, deren Beratung der Bund übernimmt, sowohl national als auch international.

Die Autonomie bewirkt eine starke, individuelle Profilierung der Schulen. Aussagen, die auf eine Waldorfschule zutreffen, gelten für eine andere unter Umständen nicht, weil jede Schule ihr Konzept selbst erarbeitet.

Der weltweiten Waldorfbewegung gehören eine Reihe von länderübergreifend arbeitenden Gremien mit jeweils verschiedenen Aufgabenfeldern an. Dazu gehören die Pädagogische Sektion am Goetheanum, das European Council for Steiner Waldorf Education (ECSWE) und die Internationale Assoziation für Waldorfpädagogik in Mittel-, Osteuropa und weiter östlich liegenden Ländern (IAO).

Rechtliche Stellung

Im Sinne des deutschen Schulrechts sind Waldorfschulen staatlich genehmigte, allgemeinbildende Ersatzschulen in freier Trägerschaft mit besonderer pädagogischer Prägung. Die staatliche Schulaufsicht prüft lediglich ihre Gleichwertigkeit gegenüber öffentlichen Schulen, hat im übrigen aber kein Weisungsrecht.

Die Finanzierung der Schulen erfolgt, aufgrund ihrer Anerkennung als Ersatzschulen, vermittels staatlicher Zuschüsse einerseits und eines Schulgeldes (siehe Elternbeiträge / Schulfinanzierung) andererseits. Es ist einkommensabhängig gestaffelt, um zu verhindern, dass, in Widerspruch zu dem aus dem Grundgesetz abgeleiteten Sonderungsverbot, ein Kind eine Schule aus finanziellen Gründen nicht besuchen kann. Im Jahr 2005 betrug das Schulgeld durchschnittlich 1591€ pro Jahr und Kind.

Die rechtliche Stellung der Waldorfschulen in anderen Ländern ist abhängig vom jeweils geltenden Schulrecht.

Schulabschlüsse

Die Regelschulzeit an deutschen Waldorfschulen beträgt, unabhängig von dem individuell angestrebten Schulabschluss, zwölf Jahre. Am Ende steht der Waldorfschulabschluss. Er ist keine Abschlussprüfung im üblichen Sinne, sondern zieht sich als ein modularer Prozess durch die gesamte Oberstufe und umfasst neben einer abschließenden Bewertung der schulischen Leistungen diverse Praktika (Landwirtschaftspraktikum, Betriebspraktikum, Sozialpraktikum), eine Facharbeit oder die so genannte Jahresarbeit mit einem theoretischen und einem praktischen Teil, die Teilnahme an einem Theaterprojekt der ganzen Klasse, den Eurythmiesbschlussund meist auch eine Studienfahrt mit künstlerischer bzw. kunstgeschichtlicher Ausrichtung.

Obwohl die Waldorfpädagogik nicht auf staatliche Schulabschlüsse ausgerichtet ist, bieten die meisten Waldorfschulen eine zusätzliche, dreizehnte Jahrgangsstufe an, um die Schüler auf das Abitur oder die Fachhochschulreife vorzubereiten. Statt des waldorftypischen, fachpraktischen Unterrichts erhalten sie einen vertiefenden Unterricht in den abiturrelevanten Fächern. In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Niedersachsen und ab 2008 auch in Nordrhein-Westfalen wird das staatliche Zentralabitur geschrieben. Im Gegensatz zu den öffentlichen Schulen sind für die Abiturnote ausschließlich die Prüfungsergebnisse der Abiturprüfung und nicht die Jahresleistung relevant. Eine Ausnahme bildet Hessen, wo die Klassen 11 bis 13 der Freien Waldorfschulen als gymnasiale Oberstufe staatlich anerkannt sind und darum die Jahresleistungen mit in die Abiturnote einfließen. In Brandenburg besteht in einem Prüfungsfach die Möglichkeit der Portfolioprüfung.

Im Jahre 2007 erhielten in Deutschland 53 Prozent der ca. 5000 Waldorfschul-Abgänger das Abitur, 11 Prozent die Fachhochschulreife, 30 Prozent den Realschulabschluss und 6 Prozent den Hauptschulabschluss.


Rezeption und Kritik

Die öffentliche und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Waldorfpädagogik ist von Kontroversen und gegensätzlichen Positionen geprägt. Manche beurteilen sie als in der Praxis sehr erfolgreiche, reformpädagogische Alternative zum öffentlichen Schulwesen, wobei sie die umstrittenen, anthroposophischen Grundlagen entweder tolerieren oder ignorieren. Andere unterziehen gerade diese ideelle Grundlage einer Fundamentalkritik und schließen eine negative Bewertung der Tragfähigkeit der waldorfschulischen Praxis unmittelbar daran an.


Ideologiekritik

Fast alle Kritiker ziehen den Wissenschaftsanspruch der Anthroposophie und damit auch die Wissenschaftlichkeit der aus ihr gewonnenen Anthropologie und Pädagogik in Zweifel. Steiner vertrat Auffassungen, von denen er behauptete, er habe sie durch hellsichtigen Einblick in höhere Welten gewonnen. Er bestand darauf, dass sie als wissenschaftlicher Methodik genügend zu betrachten seien, was seine Kritiker jedoch mit dem Verweis auf die mangelnde intersubjektive Nachprüfbarkeit seiner Behauptungen bis heute verneinen. Seine Weltanschauung muss sich stattdessen den Vorwurf der Pseudowissenschaftlichkeit und des vorwissenschaftlichen Dogmatismus gefallen lassen. Die Vertreter der Waldorfpädagogik halten auch heute an der theoretischen Fundierung ihrer Arbeit in Steiners Anthroposophie fest.

Die starke Bezugnahme der Waldorfpädagogen auf die Lehren ihres Schulgründers bringt ihnen weiterhin den Vorwurf des Personenkults ein. Die Verehrung Steiners, so Kritiker, habe religiöse Züge. Seine Konzepte seien zwar im Laufe der Zeit immer wieder nach verschiedenen Richtungen hin ausgelegt worden, originär Neues sei dabei aber selten bis gar nicht entstanden. Ein kritische Prüfung der eigenen Auffassungen bzw. der Auffassungen Steiners am wissenschaftlichen Diskurs der Zeitgenossen finde kaum statt.

Rassismusvorwurf

"Als Schulen ohne Auslese, Sonderung und Diskriminierung ihrer Schülerinnen und Schüler sehen sie alle Menschen als frei und gleich an Würde und Rechten an, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, nationaler oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung."

aus der "Stuttgarter Erklärung" gegen Diskriminierung: Waldorfschule und Rassismus.


Ein starkes öffentliches Interesse zieht seit einigen Jahren die Debatte um rassistische oder antisemitische Aussagen in Steiners Schriften und stenographierten Vortragszyklen auf sich. Die Kritik betrifft zunächst die Anthroposophie als solche, auch wenn sie oft im Rahmen der Diskussion über die Waldorfpädagogik geäußert wird. Steiners Weltanschauung werden rassistische Tendenzen bis hin zu einer rassistischen Grundhaltung vorgeworfen. Dabei wird oft eine Reihe von diskriminierenden Einzelaussagen über Menschenrassen oder Völker angeführt, welche in seinen Werken zu finden sind. Von anthroposophischer Seite setzt man diesen andere Aussagen Steiners entgegen, in denen er eine eher humanistische Position vertritt und sich gegen Rassismen und Nationalismen abgrenzt. Die beide entgegengesetzten Auslegungen bestimmen im Wesentlichen die Kontroverse.

Wo der Rassismusvorwurf unmittelbar gegen die Waldorfschulen selbst erhoben wird, handelt es sich weniger um Grundsatzfragen, denn um konkrete Fälle. So hatte beispielsweise der Bund der Freien Waldorfschulen das 1936 erschienene Buch des Steiner-Schülers Ernst Uehli Atlantis und das Rätsel der Eiszeitkunst noch im Jahr 1998 auf eine Literaturliste für Waldorflehrer gesetzt, obwohl es unzweifelhaft rassistische Aussagen enthielt. Der Bund der Waldorfschulen distanzierte sich im Jahr 2000 davon, das Buch ist während eines Indizierungsverfahrens der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien vom Verlag zurückgezogen worden, so dass eine Indizierung nicht mehr möglich war. Derartige Ereignisse werden von anthroposophischer Seite im Allgemeinen als untypische Einzelfälle abgehandelt, Kritiker bezeichnen sie als Offenbarung einer grundsätzlich fragwürdigen Gesinnung. Der Bund der Freien Waldorfschulen bezog in einer Grundsatzerklärung aus dem Jahr 2007 öffentlich Stellung gegen Rassismus und Diskriminierung auf Waldorfschulen. Es werden Schüler jeder Herkunft und Konfession, jeder sozialen und kulturellen Schicht aufgenommen.

Qualifikation der Waldorflehrer

Waldorfschule Hof
Waldorfschule Hof

Im Gegensatz zu staatlichen Schulen ist an Waldorfschulen eine universitär-wissenschaftliche Ausbildung keine Voraussetzung für Lehrer. Für den Unterricht in den Klassen 1 bis 8 und als Klassenlehrer in diesen Klassen können Personen, die statt eines Lehramtstudiums eine Ausbildung im „Institut für Waldorfpädagogik“ absolviert haben, eine Anstellung als Waldorflehrer erhalten. Diese Ausbildung schließt mit einem Diplom ab und wird von fast allen Kultusbehörden anerkannt. Die endgültige Berechtigung, als Waldorflehrer in diesen Klassen zu unterrichten, wird von der jeweiligen Schulaufsichtsbehörde erteilt. Für höhere Klassen (9-12 + Abiturvorbereitung) sind in der Regel beide Staatsexamen Voraussetzung. Methodisch-didaktische Fragestellungen werden dabei in der Waldorflehrerausbildung genau so wenig verpflichtend behandelt wie wissenschaftlich abgesichertes Fachwissen vermittelt wird; es gehe vielmehr um die „Erkenntnis des Menschenwesen“, also um die anthroposophische Weltsicht.

Obwohl vom Gesetzgeber her eine der Ausbildungssituation für staatliche Schulen „gleichartige oder im Wert gleichkommende“ Lehrerausbildung für Ersatzschulen eingefordert wird, können je nach bundeslandspezifischer Regelung an Waldorfschulen somit auch Personen unterrichten, die keinerlei universitär-wissenschaftliche Ausbildung durchlaufen haben. Dieses wird von der Schulaufsichtsbehörde für einige Fächer (z.B. Handwerken - Tischlern) gebilligt. Unterricht an Waldorfschulen von Lehrkräften ohne Genehmigung der Schulaufsichtsbehörden ist in Deutschland nicht möglich.


Starker Einfluss des Klassenlehrers

Die Kritik an der absolutistisch anmutenden Rolle des Klassenlehrers bringt der ehemalige Lehrer an einer Waldorfschule und Buchautor Paul-Albert Wagemann zum Ausdruck. Die lange Klassenlehrerzeit von der 1. bis zur 8. Klasse, die von manchen Klassenlehrern abgehaltenen regelmäßigen Hausbesuche sowie der stark an der Persönlichkeit des Lehrers orientierte Unterricht (der zum Beispiel am Verzicht auf Lehrbücher deutlich wird), lassen den Klassenlehrer als "Vaterfigur" erscheinen. Zu beachten hierbei ist jedoch, dass von der ersten Klasse an in Waldorfschulen mehrere Fächer, wie die beiden Fremdsprachen, Handarbeiten, Eurythmie, Musik von Fachlehrern unterrichtet werden und damit der prozentuale Anteil des Unterrichts, der durch den Klassenlehrer unterrichtet wird, damit geringer ist als in vielen staatlichen Schulen. Siehe auch: Klassenlehrer = Betreuer der 1-8 Klasse , geht das?


Verzögerung des Übergangs in die Leistungsgesellschaft

Nicht zuletzt wird der Verzicht auf Ziffernoten in den unteren Klassenstufen kritisiert, da es ein Aufschub des unvermeidlichen Übergangs in die sogenannte Leistungsgesellschaft sei. Schüler stünden somit aufgrund des vorigen „Schonraums“ vor einer noch schwereren Herausforderung. Weiterhin wird kritisiert, die sanfte, behütete Welt, in der Künstliches verpönt sei, entspräche kaum noch den Erfahrungen heutiger Heranwachsender.

Reaktion der Waldorfschulen

Die Waldorfschulen reagieren auf kritische Vorstöße sehr unterschiedlich. In den letzten Jahren wird versucht, Rudolf Steiner zu hinterfragen und den Unterricht für neue Medien zu öffnen. Der Bund der Freien Waldorfschulen ist bemüht, das Image der „Öko-Kuschelpädagogik“ abzulegen. Da jede Waldorfschule eigenständig handelt, sich in freier Trägerschaft selbst verwaltet und nicht von einer übergeordneten Instanz – außer den Schulbehörden – kontrolliert wird, können Lehrerkollegien und einzelne Lehrer von der Meinung des Bundes der freien Waldorfschulen oder den in der Anthroposophischen Gesellschaft vertretenen Auffassungen abweichen. Es existiert ein allgemein abgestimmter „Waldorflehrplan“, wobei die individuelle Ausgestaltung jedoch in der Verantwortung jeder Schule und jedes einzelnen Lehrers und nicht zuletzt der Eltern liegt.

Verschiedentlich wird berichtet, dass sich der Bund der Freien Waldorfschulen gegen möglicherweise kritische Betrachtungen der Waldorfpädagogik teilweise schon im Vorfeld durch „Gerichtsverfahren, Gegendarstellungsbegehren und Unterlassungsansprüche“<ref>„Waldorfschulen gegen Informationsfreiheit“, 15. Februar 2007</ref> und andere Maßnahmen wehre.<ref>taz: „Einschüchterung auf Waldorf-Art“, 4. August 2000</ref>

Entwicklung der weltweiten Waldorfschulbewegung

Der von Rudolf Steiner entwickelte pädagogische Ansatz ist multikulturell und hat sich in den unterschiedlichsten kulturellen und sozialen Umfeldern unter manchmal schwierigsten Bedingungen umgesetzt, z. B. in den Favelas Brasiliens oder als gemischtrassige Schule unter der Apartheidspolitik Südafrikas.

So wurde 2008 die Gründung der tausendsten Waldorfschule auf der Welt gefeiert. Hier für Interessierte die Entwicklung der weltweiten Waldorfschulbewegung Jedes Jahr kommen derzeit ca. 30 Schulen hinzu. Waldorfschulen sind damit die größte von Staat und Kirche unabhängige Schulbewegung. Sie sind nicht zentral organisiert, schließen sich allerdings in regionalen, nationalen und internationalen Verbänden zusammen und unterhalten eine eigene Lehrerausbildung in derzeit 64 Lehrerseminaren und Hochschulen sowie einer Vielzahl berufsbegleitender Seminare.


Literatur

Spezialisiert im Bereich anthroposophischer Literatur: Bücherkabinett, Link: buch.anthro24.de


Weblinks

Offizielle Seiten

Pro und Contra


Quellennachweise

de.wikipedia.org/wiki/Waldorfschule

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