Zahnwechsel
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DAS KIND VOR DEM ZAHNWECHSEL
In den ersten Lebensjahren ist das Kind noch eine Einheit von Körper, Seele und Geist. Das Geistig-Seelische ist noch nicht vom Körperlichen emanzipiert. Der Säugling ist ganz Sinnesorganismus, alles ist von physiologischen Bedürfnissen bestimmt. In dieser Zeit hat das Kind nicht nur Sinnesorgane, es ist ganz Sinnesorgan. Jeder Eindruck setzt sich im ganzen kindlichen Organismus fort. Das Kind ist begierig, alles aus der Außenwelt in sich aufzunehmen. Alles aus der Umgebung wird vom Kind wahrgenommen: das Physische, wie Gesten und Blicke, und ebenso das Moralische. Das Kind vor dem Zahnwechsel ist für alles Seelische körperlich empfangsbereit. Das Seelische steckt noch ganz im Körperlichen. Es zeigt sich auch körperlich, nämlich wenn das Kind nachahmt. Alles, was es aufnimmt, setzt das Kind in Nachahmung um. Das Kind vor de Zahnwechsel ist ein nachahmendes Wesen.
Steiner betont hier besonders die Verantwortung des Erziehers, seine Pflicht zu Selbsterziehung. Denn alles, was der Erzieher denkt, fühlt und will, wirkt das Kind und wird nachgeahmt. Daher muss das Verhalten des Erziehers nachahmenswert sein. Wer erzieht, muss alles vom Kind fernhalten, was es nicht nachahmen soll. Im ersten "Jahrsiebt" ist das Wichtigste im Erziehen de Mensch. Steiner postuliert für dieses Alter die Gewöhnung als Erziehungsprinzip. Da er das Gedächtnis beim kleinen Kind als eine Art Gewohnheit oder Geschicklichkeit sieht, die es sich durch Nachahmung aneignet, müssen Eltern und Erzieher dem Kind ein Vorbild sein und ihm vorleben, was es nachmachen soll.
DAS KIND NACH DEM ZAHNWECHSEL
Etwa im 7. Lebensjahr erlebt das Kind einen Umwandlungsprozess. Der Zahnwechsel und der Gestaltwandel sind Anzeichen für die Schulreife des Kindes. Diese Umwandlung ist eine Gesamtmetamorphose des Kindes. So wie die ersten Zähne ausgestoßen werden, weil sich die bleibenden Zahne nachschieben, wird auch an der Körperoberflache physische Substanz (Nagel, Haare, Haut) abgestoßen, weil sich von innen heraus neue nachschiebt. Der Geburtsleib wir abgestoßen und es bildet sich ein neuer Leib, der das Produkt des seelisch-geistigen Wesens des Menschen ist. Im ersten "Jahrsiebt" war das Kind ganz Sinnesorgan und die Hauptfunktion war das Wollen. Nun ist der Wille des Kindes frei geworden und aus dem leiblichen Organismus herausgelost. Nach dem Zahnwechsel wird das Geistig-Seelische selbständig. Das Kind ist jetzt ganz Seele und das Fühlen steht im Mittelpunkt.
Durch die Abgliederung des Geistig-Seelischen vom Körper kann ein unkörperlicher Bildinhalt im Menschen entstehen. Das Kind entwickelt ein bildhaftes Denken. In diesem Alter ist das Kind noch nicht intellektuell, es besitzt noch keine abstrakte Denkfähigkeit. Es wäre daher, meint Steiner, falsch und verfrüht, den Intellekt anzusprechen. Das Kind nach dem Zahnwechsel ist noch ganz in Gemütserlebnissen gefangen und auf das Bildliche orientiert. Der Lehrer muss das Bildlich machen beherrschen. Es ist notwendig, in die Erziehung das künstlerische Element (Malen, plastisches Gestalten und Musizieren) aufzunehmen. Das Gelernte muss künstlerisch umgesetzt und im Bild lebendig werden. Das Kind orientiert sich an den Menschen seiner Umgebung. Der Lehrer ist eine anerkannte Autorität, der das Schulkind freiwillig folgt. Das Kind nimmt das Gefühlhafte der Dinge an, weil die Autorität es ihm bietet. Es ist der Erzieher, der für das Kind festlegt, was gut, wahr und schon ist. Daher fordert Rudolf Steiner: Der Erzieher darf nicht nur das Gute, Wahre und Schöne darstellen, er muss es sein.
Steiner gliedert das zweite "Jahrsiebt" in drei Unterepochen. Bis zum 9. Lebensjahr sind Weltgefühl und Ichgefühl noch kaum unterschieden. Das Kind sieht alles als Fortsetzung seines Seins. Der Lehrer, als Vermittler zwischen dem Kind und der realen Welt, muss in dieser Phase alles märchen- und legendenhaft an das Kind heranbringen. Das Kind beurteilt nicht selbst, es übernimmt die Wertungen von der Autorität. In diesem Lebensabschnitt ist das Kind noch ein Nachahmer, neigt aber schon zum Autoritätsgefühl. Es steht am Über gang zwischen Nachahmungs- und Autoritätstrieb. Zwischen 9 und l0 Jahren macht das Kind einen wichtigen Entwicklungssprung (Steiner spricht vom ersten Lebensrubikon): Es beginnt Fragen zu stellen. War bisher Wahrheit, Güte und Schönheit das, was der Lehrer , die anerkannte Autorität, als wahr, gut und schon vermittelte, so fragt sich das Kind jetzt gefühlsmassig, warum etwas berechtigt ist. Mit 11 bis l2 Jahren entwickelt das Kind ein Kausalitätsgefühl. Erst nach dem l2.1ebensjahr (zweiter Lebensrubikon) kann es einen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung erkennen. Die Urteilskraft, die sich zu entwickeln beginnt, klingt aber noch mit dem Autoritätsdrang zusammen.
